Grüner Tee, Kaffee, Mate und Schleim

Persönlichkeitstests, wer liebt sie nicht? Doch einer scheint dank mittelalterlicher
Wurzeln, fragwürdiger Philosophien, beunruhigenden Strukturen an Waldorfschulen
und vor allem jeder Menge Schleim besonders hervorzustechen. Eine Glosse über die
Temperamenten Lehre
von Matthis Borda mit Illustrationen von Laura Welczeck.

Ein müder Sonntag. Ich liege verkatert im Bett. Also mache ich, was sich bei jeder Lebenskrise anbietet: Ich klappe meinen Laptop auf und google Persönlichkeitstests. Ein geöffneter Tab, zwei geöffnete Tabs. Endlich weiß ich, wer ich bin. Sternzeichen Krebs. Zugegeben, das wusste ich schon. Was aber neu ist: Im Aszendenten bin ich auch Krebs! Ist das überhaupt erlaubt? Außerdem bin ich Phlegmatiker und Aktivist (ENFP-A) und der sprechende Hut schickt mich nach Slytherin. Moment, hä?
Zumindest bedeutet das alles, dass ich kreativ, einfühlsam, entspannt und sensibel und träge und faul und voller Schleim bin – und ich habe viel mit Schlangen zu tun. Ich überlege kurz – stimmt alles.

Der Schleim macht mich stutzig. Laut der Temperamenten Lehre gibt es vier Typen von Menschen: Choleriker*innen, Sanguiniker*innen, Melancholiker*innen und Phlegmatiker*innen (ich!). Diese hat ihren Ursprung in der Medizin der Antike und des Mittelalters. Ich war vor Kurzem noch erkältet, da hatte ich eindeutig zu viel Schleim. Hätte mich ein mittelalterlicher Arzt behandelt, hätte er sicherlich gesagt: „Diagnose: Phlegmatiker, eindeutig!” Und er hätte versucht, den Schleim so weit zu entfernen, dass meine Vier Säfte wieder im Gleichgewicht sind. Grüner Tee, Kaffee, Mate und Schleim. Oder waren es doch Blut, schwarze Galle, gelbe Galle und Schleim?

Schon witzig, wie eine mittelalterliche Krankheitslehre ihren Weg in heutige hobby-psychologische Persönlichkeitstests gefunden hat. Selbst im Sprachgebrauch finden sich die Eigenschaften der Temperamente wieder. Wenn ich etwa sage „Till Schweiger verhält sich am Filmset cholerisch”, oder „Billie Eilishs neuer Song ist so schön melancholisch”, wissen alle, was gemeint ist. Phlegmatisch hingegen bedeutet ruhig, schwermütig und unaufgeregt, ein bisschen wie Garfield oder Olaf Scholz, während Sanguiniker*innen lebensfroh, energetisch und heiter sind, also Golden-Retriever-Vibes haben. Aber warum klingen diese Bezeichnungen eigentlich so prätentiös? Längst überholte Pseudowissenschaften nimmt doch niemand mehr ernst – Oder?

Drei Rechercheklicks weiter stoße ich auf Informationen, die mich eines Besseren belehren: Rudolf Steiner hat daraus durchaus eine Wissenschaft gemacht – die Anthroposophie. Und noch gleich eine passende Schule gegründet: die Waldorfschule. Und einen Verein, der Kuhhörner vergräbt? Der Typ hat ja echt bei so Einigem seine Finger mit im Spiel. Beispielsweise auch bei der Sitzordnung von rund 90.000 Schüler*innen. Diese ist nämlich an den Temperamenten der Kinder orientiert. Laut Recherchen von Krautreporter wird dazu das Kopf-Rumpf-Verhältnis gemessen, die Wärme der Hände gefühlt und die Körperhaltung und das Verhalten der Kinder betrachtet. Auf der einen Seite des Raumes säße dann ich mit den anderen phlegmatischen und melancholischen Langweiler*innen, während sich auf der anderen Seite Choleriker*innen und Sanguiniker*innen die Seele aus dem Ätherleib brüllen, nach dem Motto irgendwann gehen sich die Brüllaffen selbst auf die Nerven und den Faultieren wird langweilig.

Statt den Kategorien Streber*innen, Chaot*innen, Draufgänger*innen und Introvertierte, wie ich das noch aus meiner Schulzeit kenne, werden Kinder einem der vier Temperamente zugeordnet? Einfach, weil irgendwer schwitzige Hände hatte? Oder einen kleinen Kopf? Das würde bedeuten, dass Lehrer*innen nicht nur nach unterbewussten Vorurteilen, sondern vielmehr nach einer pseudowissenschaftlichen Strategie agieren. Und das ist ja sicherlich nur die Spitze des Anthroposophie-Eisbergs. Kurz bin ich empört und überrascht. Dann aber fällt mir ein, dass das gar nicht zu meinem phlegmatischen Persönlichkeitstyp passt, und ich lasse mich zurück in mein Kissen sinken. Genauso müde, verkatert und schleimig, wie es ein Phlegmatiker nun mal ist.

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