Liebeskunst und Lustprinzip

Das Kino Moviemento lud vom 23. bis 27. Oktober 2013 zum achten Pornfilmfestival Berlins. Cecilia Fernandez verschaffte sich vor Ort einen Eindruck von Pornographie mit Kunstanspruch.

Erotische Ästhetik statt Schmuddelfilm. Foto: Pornfilmfestival Berlin 2013

Erotische Ästhetik statt Schmuddelfilm. Foto: Pornfilmfestival Berlin 2013

Kupferne Schamhaare kringeln sich auf gleißend weißer Haut. Von einer krausen Locke fällt ein milchiger Tropfen. Lachen ertönt – sanft, zart, zufrieden. „Gingers“, das ist der neueste pornographische Kurzfilm Antonio da Silvas. In ihm richtet der Regisseur das Objektiv auf die nackten Körper 24 rothaariger Männer, die vor laufender Kamera masturbieren und ihre Erfahrungen als Geächtete und Fetischobjekte schildern.

„Gingers“, das ist auch einer von über 110 Filmen, die vom 23. bis 27. Oktober 2013 im Rahmen des achten Pornfilmfestivals Berlin im Kino Moviemento ausgestrahlt wurden. Zur Filmauswahl gehörten Spielfilme ebenso wie Kurz- und Dokumentarfilme, Experimentelles sowie Explizites, Aufklärendes wie auch Augenzwinkerndes. Workshops, Kunstausstellungen und Partys begleiteten das Filmprogramm der nunmehr achten Ausgabe des Festivals.

Wie zärtlich sind Lippen, die durch eine Lackmaske küssen?

Im Publikum spiegelte sich die Vielseitigkeit der Filmauswahl wieder. Neben Korsetts und Lederbekleidung gehörten auch FU-Taschen und Hornbrillen zur Garderobe der Festivalbesucher. In ausverkauften Kinosälen plauderten Studenten, unterhielten sich Filmemacher und Darsteller, schmiegten sich Paare aneinander.

Die Kinobesucher erwartete filmische Kost mit dem Anspruch, Sexualität abseits vom rhythmischen Klatschen von Fleisch auf Fleisch und minutiös choreographierten Cumshots zu beleuchten. Diese Form der Pornographie verhandelte grundlegende Fragen im Umfeld von Sexualität: Wie zärtlich sind Lippen, die durch eine Lackmaske küssen? Können und dürfen wir über und beim Sex lachen? Wie eng miteinander verwoben sind Sexualität und Identität?

Die Filmauswahl rückte dabei gezielt Menschen in den Mittelpunkt, deren Sexualität gegenwärtig am Rande des Pornographiemarktes stattfindet. Dazu zählten nicht nur Frauen, die in Alter oder Body-Mass-Index die magische Zahl 25 überschritten haben, sondern auch Menschen, deren Sexualität gesellschaftlich unbequem ist, beispielsweise Menschen mit Behinderungen.

Beifall trotz Unbehagens

Pornographie verstand sich hier weder als Mittel zur Orgasmusbeschaffung, noch als Projektionsfläche für voyeuristische Begierden. Statt zu erregen, versuchten viele der Filme zu irritieren. Dass dies gelang, zeigte beizeiten das unbehagliche Lachen des Publikums. Dieses belohnte dennoch, oder gerade deshalb, pornographische Kunst mit Beifall, bei der Menschen durch Sexualität eine Stimme fanden, um ihre Geschichten und Schicksale auszudrücken.

Auch „Gingers“ verleiht vermeintlichen Sexualobjekten klangvolle Stimmen. Silvas Kamera fasst anmutige Körperlandschaften ins Auge – und fängt zugleich Kindheitserinnerungen, Schönheitsmakel und Sehnsüchte ein. Dieser enthüllenden Intimität über Geschlechtsverkehr hinaus verschrieb sich das Festival erfolgreich.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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