Verloren auf weiten Fluren

In der Rost- und Silberlaube herrschen Chaos und Verwirrung. Doppelt belegte Räume sind dabei nur eines von vielen Übeln, die an den Nerven zehren. Hanna Dede über den ganz normalen Wahnsinn der ersten Semesterwochen.

Illustration: Robin Kowalewsky

Illustration: Robin Kowalewsky

Dienstag, 14.10 Uhr, erste Semesterwoche. Schauplatz: Rost- und Silberlaube. Myriaden verwirrter Studenten, die nervös versuchen, sich in den Irrungen und Wirrungen der endlosen Korridore der Rost- und Silberlaube zurechtzufinden, nur, um immer wieder in Sackgassen und trostlosen Bürofluren zu stranden.

In einem Seminarraum sitzen sich in zwei Reihen Studierende gegenüber und beäugen sich skeptisch. Zaghaftes Tuscheln. „Kennst du die?“ – „Nee … hab noch nie eine von denen gesehen.“ – „Vielleicht sind das alles Erstis …“ Ein abgehetztes, zerzaustes Wesen stürzt durch die Tür. „Ist hier ‘Klassische Texte, Stationen und Personen der Katholischen Theologie’?“, fragt es verzweifelt. „Nee, hier ist Philosophie, ‘Demütigung und Menschenwürde’!“ „Was?!“, kommt es pikiert von der entgegengesetzten Seite des Raumes, „wir dachten, wir sind bei ‘Soziale Exklusion’! Was macht ihr in unserem Raum?“

Allgemeiner Tumult. Die Lage kann grade noch durch den Dozenten von „Toleranz im Konflikt“ entschärft werden, der – ebenfalls auf der Suche nach seinem Seminarraum – vom Lärm angelockt wurde. Er schlägt einen Faustkampf zwischen den Dozenten der mehrheitlich vertretenen Seminargruppen vor, auf dass der Stärkere gewinne und der Verlierer mit seiner Truppe in den Keller abziehen muss. Die Lage beruhigt sich, alle sind zufrieden.

Reales Chaos

Zugegeben, diese Schilderung ist nicht ganz wahrheitsgetreu. Aber haben wir in der ersten Woche nicht alle zumindest etwas Ähnliches erlebt? Räume werden in letzter Sekunde umgebucht, Kurse abgesagt oder ihr Beginn verschoben – besonders erfreulich, wenn man morgens stundenlang U-Bahn fährt, um dieses eine tolle Seminar zu erwischen, und dann von einem lieblosen „Fällt heute leider aus“-Zettel an der Tür begrüßt wird. Auch beliebt: Die Angabe „Raum n.n.“ im Vorlesungsverzeichnis. Da quetschen sich dann plötzlich 50 Studenten in ein Seminarräumchen mit den Ausmaßen eines Schuhkartons, während hinter unscheinbaren Türen 10 versprengte Altphilologen in verborgenen Hörsaalgewölben verwundert das Echo testen.

Sicher ist es nicht einfach, so eine riesige Institution zu managen. Zumal sich vor allem die Studenten der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften gern erst nach den „Schnupperwochen“, die bei Dozenten Stöhnen und Augenrollen verursachen, verbindlich für Kurse anmelden – und so eine vernünftige Planung mit fester Teilnehmerzahl für viele Kurse unmöglich machen.

Rostige Strukturen

Nur: Die Rost- und Silberlaube (zumindest der rostige Teil) steht seit 1973. Wie kommt es also, dass man sich in ihren Gängen, entworfen von einem Strukturalismus-inspirierten Architektenteam, immer noch ähnlich verloren fühlt wie in einem Seminar zum gleichen Thema? Kann man nicht erwarten, dass einfach mal alles klappt? Wo bleibt sie denn da, die deutsche Organisation und Gründlichkeit?

Da kann man es den etwas erfahreneren Semestern nicht verdenken, dass sie den ganzen Wirrwarr der ersten Woche lieber zu Hause aussitzen und frühestens in der zweiten zu den Seminaren schlurfen, die sich dann in ihrem Standort gefestigt haben.

Vielleicht wäre es angebracht, mal über eine Zentralisierung der Raumplanung nachzudenken, um lästige Doppelungen und Verwechslungen zu unterbinden. Bis dahin sei allen Betroffenen der Psychologiekurs mit dem schönen Titel „Zusammenarbeit in und zwischen Teams in Organisationen“ ans Herz gelegt.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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1 Response

  1. Alexandra Brzozowski sagt:

    Ich musste wirklich herzlich lachen, als ich diesen Text gelesen habe. Die Rost- und Silberlaube gleicht manchmal einem Irrgarten 😉

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