Universität im Modewahn

Forschung, die aus der Mode kommt, wird an der FU rasch eingestellt. So zuletzt im Fall des Forschungsschwerpunktes „Exilliteratur“. Hanna Dede über ein Stück verlorene Forschungsvielfalt.

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Anfang des Jahres musste die Uni Leipzig wegen Sparmaßnahmen mehrere Institute schließen. Die Studierenden protestierten heftig gegen die Verarmung der fachlichen Vielfalt – vergeblich. Berlin verschont seine Universitäten mit derart harschen Kürzungen. Um die Forschungsvielfalt an der FU muss man sich trotzdem Sorgen machen, dafür sorgt die Uni auch gerne selbst.

Jüngstes, wenn auch nicht einziges Beispiel: Der Forschungsschwerpunkt „Exilliteratur und -publizistik“ steht vor dem Aus. Wenn Professor Hermann Haarmann im kommenden Jahr pensioniert wird, soll bei der Neubesetzung der Professur die bisherige fachliche Ausrichtung nicht mehr berücksichtigt werden, wie der Tagesspiegel berichtete. Dabei ist der Lehrstuhl zur Erforschung der Exilliteratur von 1933-1945 in Berlin einmalig.

Das mangelnde Interesse der FU an einem eigenständigen Forschungsschwerpunkt Exilliteratur ist umso unverständlicher, da Berlin eine einzigartige Fülle an Archivmaterial zum politischen Exil nach 1933 beherbergt.

Bis 2004 hieß Haarmanns Professur noch „Kommunikationsgeschichte mit dem Schwerpunkt Exil“. Dann bekam sie das dynamischer klingende, aber inhaltlich beliebige Etikett „Kommunikationsgeschichte und Medienkulturen“ verpasst. Ein schwammiger Titel, der alles und nichts beinhalten kann, je nach dem, was gerade in der Forschung en vogue ist.

Etikettenschwindel

Genau dort liegt das Problem. Gerade in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften werden klassische, als angestaubt wahrgenommene Fächer zunehmend durch neu und dynamisch klingende Fachgebiete ergänzt und verdrängt. Studierende strömen massenweise zu Studiengänge wie „Medien-“ oder „Kulturwissenschaften“. Diese versprechen von allem ein bisschen und alles gleichzeitig, dabei immer schön interdisziplinär und international. In der Praxis finden viele nur eine halbgare Mischung aus althergebrachten Inhalten, die zu einem konturlosen Brei vermengt wurden.

Griffige Etiketten, aber kein erkennbares inhaltliches Profil – an diesem Übel laborieren viele deutsche Hochschulen bei der Neubenennung von Studiengänge und Professuren. Hauptsache, das glänzende Label vermittelt beim Betrachten den maximalen Wohlfühlfaktor. Inhaltliche Festlegung ist unerwünscht, birgt sie doch die Gefahr des Aneckens in sich. Gut ist, was gut – also vor allem vage – klingt und Exilforschung ist grade einfach nicht mehr sexy.

Keine Frage, die neuen Blankolehrstühle und -studiengänge passen gut zur gesellschaftlichen Entwicklung. Die Sozialwissenschaften müssen auf eine immer komplexere, vernetze Welt mit neuen Forschungsansätzen flexibel eingehen können. Allerdings nicht auf Kosten von angestammten Forschungsgebieten. Vor allem aber sollte man sich in Wissenschaft und Forschung nicht von Moden leiten lassen.

Von einer „Eliteuni“ kann man erwarten, bei einem Forschungsthema, für das der Standort Berlin optimale Voraussetzungen bietet, klare Kante zu zeigen und es nicht halbherzig auslaufen zu lassen. Insbesondere, wenn es wie die Exilliteratur so zentral für das Verständnis der deutschen Geistesgeschichte und den Umgang mit der Vergangenheit ist.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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