Furios liest: Der Klassiker

Sommersemesterferien: Zeit, um sich mal an die ganz dicken Klassiker zu trauen. Hanna Sellheim wollte es wissen und hat sich durch 1205 Seiten „Anna Karenina“ gequält.

Vielleicht Tolstojs berühmtester Wälzer: Anna Karenina. Bild: Suhrkamp/Insel Verlag

Vielleicht Tolstois berühmtester Wälzer: Anna Karenina. Bild: Suhrkamp/Insel Verlag

Was liest man bei 30 Grad am Strand, wenn man genug hat von ewigem Sonnenschein und eitler guter Laune? Richtig, eine Geschichte mit viel Verzweiflung, Eifersucht – und Schnee. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass Leo Tolstois berühmtes Werk „Anna Karenina“ davon genug zu bieten hat.

Der Plot ist schnell erzählt: Beamtengattin Anna Karenina ist gelangweilt von ihrem Alltag mit Mann und Sohn. Sie fängt eine Affäre mit dem Grafen Wronskij, einem stadtbekannten Schwerenöter, an. Dies stellt sich jedoch als verhängnisvoller Fehler heraus. Kontrastiert wird dieser dramatische Haupterzählstrang mit der leichter zu verdauenden Geschichte den Landbesitzers Lewin und Annas Schwägerin Kitty, die nach einigem Hin und Her dann doch den Schlüssel zu ewigem Liebesglück entdecken. Der Autor schafft es auf beeindruckende Weise, diesen doch recht dünnen Stoff auf epische Längen auszudehnen.

Seitenfüller und Namenchaos

Der eigentlichen Geschichte zu folgen ist nicht immer leicht: Oft wird zwischen den verschiedenen Handlungssträngen hin und her gesprungen, über Seiten hinweg die Lebensgeschichte eher unwichtiger Nebenfiguren geschildert oder gar die Witterungsbedingungen auf Lewins Farm in der russischen Tundra detailreich beschrieben.

An mehreren Stellen versucht Tolstoi, zeitgenössische philosophische Diskurse, etwa über die Klassenunterschiede in der streng gegliederten russischen Gesellschaft, in sein Werk einzubauen, um die auf den ersten Blick seichte Liebesgeschichte auf eine abstraktere Ebene zu bringen. Leider werden diese lediglich in seitenlanger Figurenrede wiedergegeben, was ermüdend zu lesen ist und den Leser brutal aus der eigentlichen Handlung herausreißt.

Erschwert wird das Verständnis außerdem dadurch, dass jede Figur – ganz nach russischer Tradition – mindestens drei Namen hat und je nach Kontext mit einem anderen betitelt wird. Bis der tendenziell eher unaufmerksame Strand-Leser dahinter gekommen ist, dass es sich bei „Stiwa“, „Stepan Arkadjitsch“ und „Oblonskij“ um ein und dieselbe Person handelt, ist er schnell schon mal über die Hälfte des Buches hinaus.

Tolstoi, Meister der Gesellschaftsanalyse

Tolstois Studie der restriktiven russischen Gesellschaft ist jedoch sehr genau und oft beißend sarkastisch. Besonders Liebhaber schonungslos ironischer Charakterzeichnung à la Thomas Mann sollten an Figuren wie der Fürstin Betsy, deren Auftritte wie eine einzige bitterböse Satire auf die russischen Edelfrauen des 19. Jahrhunderts scheinen, ihre Freude haben.

Die Hauptcharaktere sind allesamt sorgfältig konstruiert, in fast jedem findet der Leser etwas, mit dem er sich identifizieren kann. So fällt es nicht schwer, selbst mit Annas spießigem betrogenen Ehemann Karenin Mitleid zu haben. Und auch Romantiker kommen bei der Lektüre von „Anna Karenina“ auf ihre Kosten – an Drama und Leidenschaft lässt es Tolstoi nicht mangeln. Der Leser fiebert mit den beiden Liebespaaren und auch vor der schönsten Strandkulisse wird es wohl kaum einer vermeiden können, am Ende heimlich ein Tränchen in den Sand fallen zu lassen.

Und für all jene, die trotz alledem über diesem Wälzer auf der Badematte eingenickt sind: Keine Sorge! Es gibt ja schließlich noch den Winter – und die Verfilmung mit Keira Knightley.

Anspruch: 5/5

Spannung: 3/5

Erotik: 3/5

Action: 1/5

Der beste Satz:
“Ich sehe in der Zukunft keine Möglichkeit eines ruhigen Lebens, weder für mich noch für Sie, ich sehe die Möglichkeit der Verzweiflung, des Unglücks… Oder Glück, und was für ein Glück!”

Anna Karenina

Autor: Lew Tolstoj

Verlag: insel klassik

Preis: 12,50 Euro

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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