Die Zukunft ist freudlos und schmutzig | FURIOS Online

Die Zukunft ist freudlos und schmutzig

Dem Sprung aus der EU folgt in England absolute Überwachung, Bargeldabschaffung und ein soziales Belohnungssystem. Mit diesem allzu realistischen Zukunftsszenario jagt der neue Roman von Sibylle Berg Rabea Westarp Schauer über den Rücken.

Bildmontage. Foto: Rabea Westarp. Illustration: Joshua Leibig

Rochdale, England. Irgendwann in naher Zukunft – vielleicht auch schon nächsten Monat. Hier leben die vier Kinder Don, Karen, Peter und Hannah. Sie sind der Bodensatz der Gesellschaft. Ihre Eltern sind entweder tot, depressiv, unzurechnungsfähig weil intoxikiert, arbeitslos oder alles auf einmal. Ihre Schicksale und die Welt, in der die Heranwachsenden leben, beschreibt Sibylle Berg so nüchtern wie verstörend in ihrem neuen Roman „GRM. Brainfuck“.

Leben zwischen Ratten und Zwangsprostitution

Für schwache Gemüter ist Bergs – ja, was eigentlich? Dystopie? – wirklich nichts. Alle paar Seiten werden Don, ihre Freundinnen und die anderen sozial Abgehängten in Rochdale mit derbsten Grausamkeiten konfrontiert. In erbärmlichen Behausungen leben sie mit den gewalttätigen Eltern und Geschwistern, werden von ihnen vernachlässigt, verprügelt, verlassen. Das alles verbindet die ungleiche Freundesgruppe – „naja, Freunde“, wie Berg es formulieren würde. „Sie wissen schon.“ Don verliert ihr Zuhause, Hannahs Vater nimmt sich nach dem Tod seiner Frau das Leben, der psychisch auffällige Peter wird von der Mutter, die mit „dem Russen“ durchbrennt, zurückgelassen. Auch die hochbegabte Karen entkommt nach wochenlangem Missbrauch endlich den Fängen einer pakistanischen Zuhälterbande. Als sie erst die Wohnung und durch einen Brand schließlich ihre Familie verliert, landet sie im Obdachlosenheim, wo die Freundinnen bereits auf sie warten. Das Leben dort ist gezeichnet von Wut und Aggression. Das findet sich auch in der Musik, die die Teenager in diesen Zeiten des Nach-Brexit-Englands hören: Grime, die beste britische Erfindung seit Punk.  

Was nur die ersten 200 Seiten des über 600 Seiten dicken Romans füllt, bietet genug Stoff für mehrere Sozialdramen und zwingt einen manchmal, die schwere Kost angeekelt beiseite zu legen. Denn in der hässlichen Welt von „GRM. Brainfuck“ wird den Protagonistinnen auf keiner einzigen Seite auch nur ein bisschen Glück gegönnt. Die Abhandlung von Grausamkeiten, meist beschrieben aus der kindlichen Sicht der Protagonistinnen, die dem Ganzen zwecks Perspektivlosigkeit und Resignation erschütternd gleichgültig gegenübertreten, tut weh.

Demokratie als veraltete Technologie

Dabei rahmt Sybille Berg ein Szenario, das den kühnsten Träumen sämtlicher Verschwörungstheoretikerinnen entsprungen sein könnte: Terroranschläge werden inszeniert, damit die Bevölkerung die totale Überwachung aus Sicherheitsgründen gutheißt. Das Wetter, arg mitgenommen vom Klimawandel, wird mit Geo-Engineering irgendwie zurecht gebastelt. Bots bestimmen das gesellschaftliche Klima. Arbeit wird, Künstliche Intelligenz sei Dank, mehr und mehr von Robotern ausgeführt. Und mit Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens werden allen Bürger*innen Chips eingepflanzt, mit denen sie künftig Bargeld- und kartenlos zahlen können. Dafür wird dann, na klar, jede Bewegung erfasst; für schlechte Taten werden Credits vom Einkommen abgezogen.

Das Interessante an der Welt, die Berg schafft: Anders als in vielen Dystopien beschreibt sie kein Endzeitszenario. „Keine riesigen Lager, keine brutale Diktatur. Die Entwicklung der Welt ist elegant. Leise“. Man ist hier nicht in Panem, und dennoch ist das Grauen so allgegenwärtig. Nach ein paar hundert Seiten mögen einem die schrecklichen Geschehnisse übertrieben vorkommen, doch tatsächlich greift Berg oft schlicht Tatsachen auf. 2012 wurden dutzende Kinder von britisch-pakistanischen Banden in England systematisch missbraucht und sexuell versklavt, der Fall ist bekannt als Missbrauchsskandal von Rotherham. Mit Blick auf Chinas Sozial-Kreditsystem und KI-Forschung fragt man sich ständig, wann diese von Berg erschaffene Zukunftsvision wohl stattfinden soll. Wie die Kinder stumpfen auch die Leser*innen allmählich ab – noch eine Vergewaltigung, noch ein grausamer Tod, noch ein menschenunwürdiges Dasein.

Den „Brainfuck“, den die Dramatikerin mit „GRM“ abliefert, rundet sie durch ihre Sprache und Erzählweise ab. Sie bedient sich der Jugendsprache, schafft skurrile Floskeln, die dem Erzählten eine nüchterne Härte geben und webt das alles in eine Erzählstruktur, die einem Schwindel beschert. Der totale Brainfuck. Der macht Angst, ekelt an, schürt Wut, resigniert. Und ist damit absolut großartig. Sie wissen schon.

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