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Hebammenwissenschaften?

Hebammen sollen künftig keine Ausbildung mehr absolvieren, sondern ein duales Studium durchlaufen. Was das für Folgen hat, erklärt Julia Hubernagel.

Erfolgreiche Hebammenarbeit. Quelle: Pixabay

Deutsche Hebammen hatten es bisher auf europäischer Ebene nicht ganz leicht. Denn im Gegensatz zu beinahe allen anderen EU-Staaten schließen sie ihre Berufsausbildung mit einer Ausbildung, statt mit einem Studium ab. Erklärtes Ziel der EU ist jedoch die Gleichwertigkeit aller Berufsabschlüsse. Bis 2020, so besagt eine EU-Richtlinie, habe Deutschland daher noch Zeit, die Hebammenausbildung zu reformieren. Das Bundeskabinett hat nun einen entsprechenden Beschluss verabschiedet, es ermangelt lediglich noch der Zustimmung von Bundesrat und Bundestag.

Hebammen sollen verstärkt forschen

Doch was bedeutet die Änderung für die über 20.000 Hebammen in Deutschland? Sophia Kuhnt glaubt, „erstmal wenig.“ Kuhnt hat gerade ihre Hebammenausbildung in Neukölln abgeschlossen und ist seit wenigen Wochen in ihrem Beruf tätig. Von der anstehenden Neuregelung habe sie auch vor Beginn der Ausbildung gewusst, sagt die 23-Jährige, „und ich bin froh, dass ich das Studium nicht machen musste. Uns wurde garantiert, dass wir auch weiterhin als Hebammen arbeiten können.“ Gleichzeitig erkennt sie auch die Wichtigkeit einer Reform an. „Hebammen werden in der Wissenschaft und von Ärzten oft nicht ernst genommen“, so Kuhnt. „Das verpflichtende Studium ist wichtig, damit Hebammen für sich forschen können. Bisher gibt es keine Studien, an denen ausschließlich Hebammen beteiligt sind.“

Auch Juliane Bitschnau sieht die Reform positiv. „Die vollständige Akademisierung der Hebammenausbildung ist begrüßenswert und der richtige Weg“, sagt die Leiterin der Hebammenschule an der Charité. „Damit erlangen Hebammen die Kompetenz, wissenschaftlich zu arbeiten und ihr eigenes Handeln kritisch zu hinterfragen und zu reflektieren.“ Studieren soll künftig nur, wer mindestens über ein Fachabitur verfügt. Doch schließt man so nicht eine ganze Reihe an Berufsinteressierten aus? Bitschnau winkt ab. „Wir haben jedes Jahr so viele Bewerber*innen, dass wir ohnehin nach Qualifikation entscheiden und hauptsächlich Abiturient*innen ausbilden.“

Der Hebammenmangel, der seit einigen Jahren beklagt wird, ist also nicht auf zu geringe Bewerberzahlen zurückzuführen. Tatsächlich ist die Zahl an Berufseinsteiger*innen sogar kontinuierlich gestiegen. Doch dem Stress und Schichtdienst in Kreißsälen wollen sich immer weniger Hebammen aussetzen. Schlechte Bezahlung und das belastende Betreuen von mehreren gebärenden Frauen gleichzeitig führt dazu, dass sich immer mehr Hebammen aus der Geburtshilfe zurückziehen; insbesondere weil sich ein Wiedereinstieg nach einer eigenen Babypause oft steuerlich schlicht nicht lohnt.

Umsetzung noch nicht ganz klar

Dass eine Akademisierung sinnvoll ist, damit der Beruf der Hebamme langfristig attraktiv bleibt, glaubt auch Bianca Schön. „Die Umsetzung ist bereits lange überfällig“, so die Leiterin der Hebammenschule der Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH. „Die genauen Ausführungen sind jedoch Ländersache.“

In Berlin konkretisieren sich momentan Pläne, einen gemeinsamen Bildungscampus aus Vivantes und Charité aufzubauen. Doch man befinde sich lediglich in ersten Gesprächen, meint Jan Bobbe, Referent im Prodekanat für Studium und Lehre der Charité. „Da das Gesetz derzeit noch nicht verabschiedet ist und nur die Eckpunkte für eine mögliche Studienordnung bekannt sind“, könne er der FURIOS derzeit noch keine näheren Auskünfte geben. Juliane Bitschnau von der Charité mahnt ebenfalls zur Geduld. „Wir werden voraussichtlich 2020 noch mit einem Ausbildungskurs starten“, meint sie.

Gemäß der EU-Richtlinie ist ein vollständiges Studium eigentlich auch nicht zwingend erforderlich. Verlangt werden lediglich eine 12-jährige Schulbildung als Qualifikation und vermehrt wissenschaftliche Inhalte in der Ausbildung. Gesundheitsminister Jens Spahn besteht allerdings auf einem Regelstudium. „Die Akademisierung der Hebammenausbildung muss vollständig erfolgen“, heißt es im Kabinettsbeschluss. Und weiter unter Punkt C: „Alternativen“ gebe es „keine.“

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