Werbung am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen

Werbung an der Uni – muss das sein? Immer und überall wird unsere Meinung beeinflusst. Da hilft es nur, sich der Strukturen bewusst zu werden, meint Carry-Ann Fuchs. Ein Kommentar.

Schlecht gelaunt und in Eile betrete ich das Unigebäude. Für ein Frühstück hat die Zeit nicht gereicht. Eine Frau mit Nutellacap macht den klassischen „Ich-drück-dir-einen-Flyer-in-die-Hand-Move“ dem ich reflexartig ausweiche. Im letzten Moment höre ich sie noch sagen: „Darf es eine Nutellastulle sein?“ Ja! Genau das brauche ich jetzt. Schon ist meine schlechte Laune verflogen. Werbung wirkt, das ist kein Geheimnis. Freude über die Stulle. Trotzdem frage ich mich, ob Werbung an der Universität wirklich sein muss.

Von Plakaten gepflastert

Auf der K-Straße der Rost- und Silberlaube finden sich fünf Aufsteller eines US-amerikanisches Entwicklungsstudios für Computerspiele, vier Aufsteller von einem bekannten österreichischen Brausehersteller, sowie 11 Plakate, die für die Campustüte werben. Es reiht sich ein: Eine Behörde, mehrere Krankenkassen sowie ein schwedischer Musikstreamingdienst. Aus der Masse der Werbung sticht vor allem die Campustüte hervor. Ihre Bekanntheit verdankt sie den regelmäßigen Verteilaktionen auf dem Campus. Letzte Woche war es wieder so weit: Durch die Unterstützung von Drogeriemärkten, einem Teehandelunternehmen und Lebensmittelherstellern konnten sich Student*innen das heißersehnte Glas Schweizer Instant-Pulver-Malz-Schokocreme abgreifen. Für die einen ist das Erkunden des Tüteninhalts wie Geburtstag haben, andere sind einfach nur genervt und wünschen sich, wenigstens in den „heiligen Hallen“ der FU eine Auszeit von der Dauerwerbebeschallung nehmen zu können.

Wirtschaftlich gedacht

Eine Information zu der insgesamt vorhandenen Werbefläche kann die FU „[…] angesichts der Gebäudefläche von rund 600.000 Quadratmetern verteilt auf rund 260 Gebäude“ nicht beantworten. Offenbar geht bei dieser Größenordnung leicht der Überblick verloren. Die Auswahl der an der Universität geschalteten Werbung wird an einen externen Dienstleister, Campusdirekt, ausgelagert. Damit ist das Thema Werbung aus der Hand gegeben. Natürlich ist es – wie immer – nicht ganz so einfach. Der externe Dienstleister müsse sich an bestimmte Richtlinien halten, so die Freie Universität.

Die gute Nachricht: Sittenwidrige, diskriminierende, rassistische und sexistische, allgemeinpolitische Werbung, sowie Werbung für Alkohol oder Tabak bleiben uns erspart. Somit wird die Nutzung der Werbeflächen neben öffentlichen Institutionen wie Kultureinrichtungen vor allem von Konzernen bestimmt. Damit unterliegen wir Studierenden auch in unserem Universitätsalltag permanent der Beeinflussung des Marktes.Das birgt Potenzial für viel Kritik, aber immerhin hat die FU laut eigenen Angaben allein im Jahr 2017 durch die Bereitstellung von Werbeflächen 53.520,56 Euro eingenommen. Das sind Gelder, die in den Haushalt der Universität einfließen und der Studierendenschaft zugutekommen. Ob eine Institution, die im Jahr 2019 mit einem Gesamthaushalt von 561.374.000 Euro die Schaltung von Werbung nötig hat, bleibt zu hinterfragen. Betrachtet man das Verhältnis der beiden Summen, sind die Einnahmen, die durch Werbung erzielt werden verschwindend gering.

Das eigene Verhalten lässt sich aber nur soweit beeinflussen, wie der*die Einzelne es zulässt. Also rufe ich mir in Erinnerung, wer oder was mir den heutigen Morgen versüßt hat. Bei der nächsten Gelegenheit greife ich dann schon in freudiger Erwartung zur Stulle und beim Einkaufen zum Nusspli.

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