Notstand ohne Ende?

Bis 2025 will die FU zu 100 Prozent klimaneutral sein. Signalwirkung top – aber wie soll die Hochschule der Zukunft konkret aussehen? Julian Sadeghi und Julia Hubernagel trauen dem Braten noch nicht recht.

Was waren das für Wohlfühl-News, die kurz vor Weihnachten aus dem FU-Präsidium kamen: „Hochschule bekennt sich zu ihrer Verantwortung für Nachhaltigkeit.“ Das Präsidium der FU ruft den Klimanotstand aus und gibt sich nicht weniger als sieben Öko-Vorsätze für das neue Jahr – darunter die Selbstverpflichtung zur Klimaneutralität bis 2025 und das Versprechen, bei allen Entscheidungen und Planungen das Klima zu berücksichtigen. Die Kernbotschaft: Wir nehmen das ernst.

Der Schritt ist zu begrüßen, doch entscheidend ist, wie die Universität die hehren Vorsätze nun in konkrete Maßnahmen umsetzen wird. Dafür soll eigens ein Steuergremium eingesetzt werden.

Geldgeber künftig nur noch nachhaltige Firmen?

Die Berücksichtigung des Klimas bei allen Entscheidungen und Planungen also. Doch was heißt Berücksichtigung? Wird nun auch das Aktienportfolio, aus dem die Uni Gewinn erzielt, überarbeitet? Aktuell finanziert die FU Stipendien, Forschungsstellen und Preise mit Aktienrenditen von Umweltvorreitern wie RWE, der pazifistischen Rheinmetall AG oder den Verkehrswende-Verfechtern von Boeing.

Nachhaltigkeits- und Klimaschutzthemen will man sichtbarer machen, explizit auch in der Lehre. Klimaschutz und Nachhaltigkeit in den Curricula: Wie kann das aussehen? Für alle Studierenden ein verpflichtendes Nachhaltigkeitsmodul pro Semester? Das wäre ein Anfang – aber dann bitte auch anrechnungsfähig und interdisziplinär. So könnten zum Beispiel alle Studierenden die Chance bekommen, die Vorlesung „Nachhaltige Wirtschaftssysteme im 21. Jahrhundert“ am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften in ihren Studienverlaufsplan zu integrieren. Das Problem: Eine solche Veranstaltung gibt es bislang nicht.

Interessant dürfte auch der Speiseplan der FU-Mensen im Jahr 2025 aussehen. Kann die FU bis dahin komplett veganes Essen durchsetzen – gegen einen Großteil der Studierenden- aber auch Professor*innenschaft? Alternativ bleibt nur der Glaube an die Wissenschaft. Wer auch in Zukunft zwischen Seminaren Fleischgerichte verschlingen möchte, kümmere sich also zeitig um eine Kooperation mit Unternehmen, die Insekten-Burger herstellen.

Versprochen ist versprochen ist vergessen?

Positiv hervorzuheben ist indes die ambitionierte Zeitspanne, schon in fünf Jahren klimaneutral zu sein. Die Kolleg*innen an der TU visieren mit gleichem Ziel das Jahr 2030 an, an der HU hat man sich überhaupt noch nicht festgelegt. Bereits in den letzten Jahren, so heißt es in der eigens veröffentlichten Pressemitteilung, habe man an der FU einiges an Treibhausgasen einsparen können. Zur vollständigen CO2-Neutralität ist es jedoch noch ein langer Weg – insbesondere die Gebäudedämmung dürfte aufwendig sein, wie der Tagesspiegel berichtete.

Ist es der FU also ernst damit, 2025 vollständig klimaneutral zu sein? Womöglich kalkuliert man bereits ein, dass bei stetig steigenden Temperaturen eine gute Wärmedämmung und damit auch die Heizungen in wenigen Jahren obsolet sind. Oder man orientiert sich bei den Versprechen an großen Vorbildern: Das im Pariser Abkommen festgesetzte 1,5 Grad-Ziel versucht gerade keiner seiner Unterzeichner*innen wirklich zu erreichen.

Autor*innen

Julia Hubernagel

Lesen tut Julia Hubernagel sehr gern. Manchmal schreibt sie auch, um einfach mal etwas zurückzugeben.

Julian Sadeghi

Gibt es was Schöneres als rhetorische Fragen?

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