Eine Plauderei mit der Wissenschaft

Mit der Pandemie ist die Nachfrage nach greifbarer, verständlicher und trotzdem präziser Wissenschaftskommunikation stark gestiegen. Nun wagt sich auch der rbb mit dem Podcast „Talking Science” in den Ring – mit gemischtem Erfolg rezensiert unser Autor Johannes Bauer.

Folge 1 beantwortet die spannende Frage, wie Stadtentwicklung hilft Stress zu reduzieren. Bild: Johannes Bauer

Es sind Sätze wie diese: „Theater- und Kultureinrichtungen sind systemrelevant”, und „Was funktioniert, dass wir die Leute experimentieren lassen”. Sätze, die das Interesse bei uns Höhrer*innen wecken und uns zwingen, noch ein zweites Mal über das Gesagte nachzudenken. Aussagen, die absolut sinnvoll und einleuchtend sind, sobald wir sie von Expert*innen eingeordnet und erklärt bekommen.

Um diese Aufklärung und Einordnung zu gewährleisten hat der rbb den Podcast „Talking Science” ins Leben gerufen und kooperiert mit der Berlin University Alliance, dem Zusammenschluss aus TU, HU, FU und der Charité Berlin. Radioeins Moderatorin Julia Vissman führt ruhig durch das Gespräch. Immer zwei Wissenschaftler*innen aus den Berliner Lehrstätten sind hierzu eingeladen.

Die Folgen, bisher sind fünf veröffentlicht und zwei weitere geplant, haben eine angenehme Länge von rund 50 Minuten. Die Themenauswahl ist vielseitig: Von Gesundheit und Ernährung bis zu Stressforschung und Stadtentwicklung werden viele Interessen der Höhrer*innen abgedeckt. Von der Freien Universität sind die Professorinnen Valeska Huber (Folge 5) mit dem Thema Einfluss von Kulturen und Migration auf die Gesundheit und Gülay Çağlar (Folge 2) mit dem Thema Gendermedizin vertreten.

Der Pluspunkt: „Die Wirklichkeit ist nicht in Disziplinen eingeteilt”

Mit diesem Zitat bringt es Sabine Gabrysch, Expertin für Public Health an der Charité Berlin, in Folge 3 auf den Punkt und fasst damit das ganze Konzept des Podcasts zusammen. Interdisziplinär soll geforscht werden und interdisziplinär sollen Ergebnisse diskutiert und kommuniziert werden, denn so viele Zusammenhänge und Einflussfaktoren bestehen gerade zwischen den einzelnen Disziplinen. Der Podcast greift dabei in jeder Folge zwei Themen auf und verknüpft sie sinnvoll miteinander – Welchen Einfluss hat Stadtentwicklung auf die Stressforschung und umgekehrt? Was können wir aus der Corona-Pandemie für die Klimakrise lernen? Welche strukturellen Ernährungsmuster gibt es und beeinflussen diese eine genderspezifische Medizin? Heißt gesunde Ernährung auch gleichzeitig nachhaltige und klimafreundliche Ernährung? Die Gäste decken jeweils einen der beiden thematisierten Schwerpunkte ab, wodurch teilweise eine spannende und interessante Gesprächsatmosphäre entsteht. Keine Streitgespräche oder hitzige Diskussionen dominieren den Podcast, sondern interessiertes Nachfragen und das gegenseitige voneinander Lernen.

Die Schwachstelle: Alles nix Konkretes

Die Themenauswahl ist sehr breit gewählt, zwei Gäste wollen zu Wort kommen und die Folgendauer ist, vermutlich auch aufgrund des Zeitmangels der Gäste, auf unter eine Stunde limitiert. Dazu sind die Fragestellungen, auf die im Podcast eine Antwort gefunden werden soll, meist nur sehr allgemein formuliert oder sie werden gar nicht weiter verfolgt. Schlechte Voraussetzungen für eine tiefgründige Diskussion, vielmehr ist es eher ein oberflächliches Abgrasen der wichtigsten Schwerpunkte. Auf genaue Forschungsergebnisse, neue Zusammenhänge und konkrete Statistiken kann nicht eingegangen werden. 

Man sehnt sich fast schon nach einem bekannten ZDF-Talkshowmoderator, der mir seiner nervenden, unterbrechenden Art einhackt: Wie kann ich mir das vorstellen? Was heißt das konkret? Machen Sie das mal an einem Beispiel fest! Immer wenn es spannend wird, heißt es: Themenwechsel. Einen großen Mehrwert oder Erkenntnisgewinn sucht man leider vergebens. Besonders deutlich wird dies in Folge 3: Bei der Fragestellung, wie Ernährung und Klima zusammenhängt, wird in kürzester Zeit zwischen einer CO2-Steuer, Atomkraft, Fridays for Future, der wirtschaftlichen Ordnung, Lobbyismus, Folgen der Covid19-Krise, ökologischem Landbau und einer allgemeinen Medien- und Wissenschaftskritik gewechselt.

An diesem Umstand können auch die drei verschiedenen Einspielertypen, welche unregelmäßig im Podcast vorkommen, nichts ändern. „Die besondere Zahl”, „Der Ort” und „Die Geschichte” sollen die Hörer*innen mit zusätzlichen Informationen und Fakten unterstützen, um dem Gespräch besser folgen zu können, sind aber häufig nicht nötig. Eine stärkere Spezialisierung auf ein Thema und die Verfolgung einer konkreten Fragestellung hätten hier mehr Abhilfe schaffen können.

Hörempfehlung: Ja oder Nein?

„Talking Science” hat ein interessantes Konzept entwickelt, welches Wissenschaften für die Gesellschaft greifbar und verständlich machen könnte. Die Gäste sind spannend und die Gespräche haben viel Potential. Leider wird dieses im Podcast nicht wirklich ausgeschöpft. Größtenteils wirkt der Podcast eher wie eine entspannte, oberflächliche Plauderei mit der Wissenschaft, anstatt konkrete Erklärungen aus der Welt der Forschung und deren Bedeutung für die Gesellschaft hervorzubringen. Der Podcast heißt eben auch „Talking Science” und nicht „Science explains”, könnte man pro Podcast argumentieren. Selten aber immer wieder wird der Podcast jedoch von beeindruckenden, anregenden oder aufschlussreichen Aussagen unterbrochen, die einem zum Weiterdenken anfixen – zu selten leider! 

Bei dem schier unendlichen Angebot an Wissen-Podcasts, muss sich dieser eher mit einem Platz im Mittelfeld zufrieden geben und hat damit leider keine absolute Hörempfehlung. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, findet den Podcast auf allen gängigen Streaming-Plattformen und auf der rbb Seite. Eine besondere Empfehlung ist die Live-Podcastfolge mit Virologe Christian Drosten und Sozialwissenschaftler Jörg Niewöhner (Folge 4).

Autor*in

Johannes Bauer

Politikwissenschaft, Otto-Suhr-Institut, Freie Universität Berlin,
Twittert als @IamJoBr.

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