Der Stream. Macht. Die Musik.

Die Hitformel soll der musikalische Schlüssel für einen Charterfolg sein. Doch Streamingdienste spielen nicht nur Hits, sie formen sie – mithilfe von Streams und Playlisten. Von Johannes Bauer und Elias Fischer.

Heutzutage ist es mit wenig Equipment und leicht zugänglichen Software-Produkten möglich, Musik zu produzieren. Foto: Julia Hubernagel

Popmusik besteht meist aus nur drei Akkorden: Grundakkord, Subdominante und Dominante. So lautet ein alter, hämischer Witz gegenüber dem Genre und gleichzeitig – das zeigte Volker Kramarz, Musikwissenschaftler an der Universität Bonn, 2014 in einer Analyse etlicher prämierter Pop-Hits – dessen Hitformel. Für einige der 470 FU-Studierenden, die an einer Umfrage von FURIOS teilgenommen haben, mache einen Hit aus, dass er „mitsingbar” sei. Die meisten hielten aber ein „Bestimmtes Verhältnis von Strophen und Refrain” für wichtig. Allerdings werden durch die Dominanz der Streamingdienste Variablen der Musikkomposition und -produktion immer weiter in den Hintergrund gedrängt, während ökonomische Komponenten mehr und mehr in den Vordergrund rücken. 

Musik fasziniert, berührt und bewegt uns. Das liegt einerseits daran, dass wir beim Musikhören eine Erwartungshaltung einnehmen: „Wenn wir aufmerksam sind, etwas erwarten, werden Neurotransmitter wie beispielsweise Dopamin ausgeschüttet”, erklärt Ursula Koch, Neurobiologin an der FU. Ähnlich wie beim Drogenkonsum würde dadurch das Belohnungszentrum aktiviert und Klänge schließlich als angenehm empfunden. Andererseits ist die Sozialisation entscheidend, wie in einer Studie mit dem bolivianischen Amazonasvolk Tsimane deutlich wurde. Die Tsimane empfanden Klänge, die in der westlichen Welt als dissonant gelten, weniger unangenehm als beispielsweise Europäer*innen. „Klänge, die wir als angenehm empfinden, hängen mit unserer Vokalisation, mit unserer Sprache zusammen”, sagt Koch. Für sie sei die Hitformel demnach sicherlich ein „soziales Konstrukt”, das womöglich auf Erlerntem und positiven Erfahrungen fuße, wie beispielsweise dem gemeinsamen Musizieren.

„Mach eine Hook, die catched, und du kannst im Rest sagen, was du willst!”

Ilhan Coskun

Zahllose Softwareprodukte und technisches Equipment haben vor allem im letzten Jahrzehnt die Schwelle zur Musikproduktion gesenkt, Streamingdienste die zur Veröffentlichung. Das führe zu einem schnelllebigeren Musikgeschäft, folgert Ilhan Coskun. „Das ist einfach. Du kannst Musik hochladen und die ist verfügbar für alle.” Der Journalist des Y-Kollektivs probierte sich für eine Reportage selbst als Musiklaie an der Hitproduktion. Die generelle Kritik an kürzeren Release-Zyklen, dass ihretwegen immer häufiger Abstriche bei Text und musikalischer Vielfalt – besonders im deutschsprachigen Hip Hop – gemacht werden, teilt Coskun: „Scheißegal, was für einen Song du machst: Mach eine Hook, die catched, und du kannst im Rest sagen, was du willst!”

Das Komponieren und das Texten brauchen Freiheit

Nicht alle Musikströmungen folgen einem so simplen Schema. Vor allem die Independent-Musikszene erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Indie-Sängerin und Musikerin CATT schreibt ihre Songtexte und komponiert die Musik selbst; bei Live-Auftritten singt sie, spielt Klavier und Trompete – dank einer Loop-Station teilweise gleichzeitig. Eine Hitformel führe ihrer Meinung nach dazu, dass die Kreativität eingeschränkt werde: „Ich finde das nicht schön, weil man versucht, Kunst oder Musik irgendwie in Formeln zu bringen, um es zu reproduzieren, zu nutzen, zu automatisieren oder zu digitalisieren.” Komponieren und texten ohne Freiheit? Das ist für die junge Indie-Musikerin unvorstellbar.

Doch auch die Independent-Szene ist zunehmend von einer weniger musikalischen als durch und durch ökonomischen Variable einer neuen Hitformel abhängig: Streamingerfolg. Der wiederum wird besonders effektiv dadurch generiert, dass Songs oder Künstler*innen in Playlisten der Streamingdienste landen. So veröffentlichte CATT vor kurzem ihr zweites Album Why, Why, auch auf dem Streamingportal Spotify. „Mit höheren Streamingzahlen wird man in schönere Venues gebucht. Diese ganzen Sachen hängen so krass zusammen.”

Unsere Umfrage zeigt: Spotify ist der mit Abstand beliebteste Streaminganbieter unter den Studierenden der FU. Der aus einem schwedischen Start-Up erwachsene Onlinedienst lässt Playlisten von eigens dafür eingestellten Kurator*innen pflegen. „Das ist das A und O, wie und wo du als Künstler*in platziert wirst”, findet auch Ilhan Coskun. Deswegen sei der entscheidende Faktor der Hitformel für Musiker*innen neben dem Label, den Kontakten und der Berichterstattung letztlich die Anzahl der Streams.

Der starke Fokus auf die Streamingzahlen weckt jedoch kriminelle Energien. Besonders Künstler*innen, die kurz vor dem Durchbruch stehen, nutzen sogenannte Fake-Streams, um den Erfolg ihrer Musik zu steigern. Bei diesen zweckentfremdeten Streams werden tausendfach bestimmte Songs über gekaufte oder gehackte Accounts in Dauerschleife abgespielt und so die Streamingzahlen nach oben getrieben. Erwerben kann man sich diesen Service auf diversen zwielichtigen Webseiten. Auf die Anfrage, welchen Schaden Fake-Streams verursachen und wie groß dieser sei, möchte uns Spotify keine Informationen zur Verfügung stellen. 

Ilhan Coskun deckt in der Reportage Der Rap Hack auf, wie Künstler*innen sich in die Charts spielen, indem sie Klicks kaufen.

Ilhan Coskun machte bereits mit der Reportage Der Rap Hack auf den Betrug aufmerksam. Darin zeigte ein Informant und Hacker an Ilhans Track, wie sich die Streams manipulieren lassen. Auch dem Bundesverband Musikindustrie ist dieses Problem schon länger bekannt. Mit einem internationalen Zusammenschluss verschiedener Labels und Streamingdienste gehe man gerichtlich gegen Webseiten vor, die Manipulationen von Streamingzahlen anbieten. Ein halbes Dutzend sei so bereits verboten worden. Das Problem ist dadurch aber noch nicht gelöst. Offenbar fährt Spotify bereits eine Konterstrategie. Laut hiphop.de testet der schwedische Streamingdienst bald eine neue Funktion, mit der Künstler*innen und Labels für Reichweite und Playlist-Platzierung offiziell bezahlen können – höchst umstritten.

Leider verwundert dieser Schritt kaum, bedenkt man eine Aussage des Spotify-CEO Daniel Ek gegenüber dem Medienunternehmen Music Ally. Es reiche nicht mehr aus, alle drei, vier Jahre ein Album zu veröffentlichen. Die ökonomische Gier und der damit einhergehende Überfluss scheinen die Utopie von einer Hitformel, die auf musikalischen Elementen beruht, zu ersticken. Es sind die Spielregeln einer gewinnorientierten Branche und die heißen: musikalische Quantität statt Qualität.

Autor*innen

Elias Fischer

Seine Männlichkeit passt nicht ganz in den Bildausschnitt.

Johannes Bauer

Politikwissenschaft, Otto-Suhr-Institut, Freie Universität Berlin,
Twittert als @IamJoBr.

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