Antifaschismus und Liebe am Klavier

Danger Dan führt am Klavier durch sein neues Album, das mit Deutschrap wenig zu tun hat, dafür aber Haltung zeigt – und das natürlich von der Kunstfreiheit gedeckt. Ein bemerkenswerter Versuch, findet Julia Abelt.

Danger Dan zeigt sich als Mann am Klavier auf seinem neuen Album Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt. Foto: Jaro Suffner, Illustration: Joshua Leibig

Gestern war Tag der Pressefreiheit. Kunstfreiheit ist genau wie Pressefreiheit ein Grundsatz unserer Demokratie, die aber aktuell durch Rechtsextremismus und Verschwörungsideologien so gefährdet ist wie lange nicht mehr. Der Rapper Danger Dan thematisiert die Gefahr, die von Faschist*innen ausgeht, in der gleichnamigen Single zum Album Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt.

Das ist so ein Song, den man extra laut aufdreht, damit die Nachbar*innen ihn auch kennen und lieben lernen. Genau das machte ein*e Anwohner*in, als am Ersten Mai die Demonstration in der Sonnenallee durch Polizeigewalt gestoppt wurde. Durch eine Box am Fenster ertönte neben dem Rauch-Haus-Song der Band Ton Steine Scherben auch Dangers politische Hymne. Die Autorin fühlte in diesem Augenblick die Kraft und Solidarität zwischen den Menschen und gegen die Cops.

Nicht nur gegen Faschismus, Antisemitismus und Rassismus macht sich das Mitglied der Antilopen Gang stark. Danger Dan, der mit bürgerlichem Namen Daniel Pongratz heißt, positioniert sich als Feminist und gegen Queerfeindlichkeit. Auf dem Album wird das deutlich durch Zeilen wie „Ich habe viele Mädchen und viele Jungen geküsst“ oder „dann hat irgendwer gefragt, warum ich weinen muss/ Ich sagte wegen Pepperspray, er gab mir einen Kuss“. Davon können sich mehr Männer der deutschen Musikszene etwas abgucken.

Der Einstieg des Albums erfolgt mit einem klaren Appell: Lauf davon. Mach, was Lou Reed singt und run, run, run! Bevor du deine Seele an hippe Agentur verkaufst, “fang irgendwo nochmal von vorne an”. Danger Dan erzählt seine Geschichte so, dass sich viele Hörer*innen wiederfinden können. Das Klavier, das durch die ganze Platte führt, passt wunderbar.

Musikalisch schlicht, dafür textlich eindrucksvoll

Nachdem die ersten beiden Songs einen starken Start hinlegen, geht es sachter weiter, aber immer mit einer klaren Botschaft. In Trotzdem sagt Danger Dan, dass es keine Perfektion oder Auszeichnungen braucht, um geliebt zu werden. Kann man definitiv so stehen lassen. Das schreckliche Buch enthält Geschichten, die erfunden klingen, dies aber leider nicht sind. Hier erzählt der Musiker den bedrohlichen Realitätsverlust von Verschwörungstheoretiker*innen in zwei Kapiteln.


Das Bild einer Kneipe mit Kerzenschein kommt bei Ingloria Victoria auf. Der Song wirkt improvisiert, als hätte sich der Musiker spontan ans Klavier gesetzt. Dan ergreift die Gelegenheit und begleicht seine offene Rechnung mit dem Schulsystem. Denn gute Noten sagen erstmal nur, dass Schüler*innen im System funktionieren. Danger Dan, der selbst wegen “Aufmüpfigkeit” von der Schule flog, ist der Beweis, dass man seine Ziele auch ohne Abitur erreichen kann.

Insgesamt stehen in diesem Album die erzählten Geschichten im Vordergrund – leider manchmal auf Kosten der Musik. Die hätte mehr Abwechslung gebrauchen können und der Liedermacher-Stil wird einigen Rap-Fans wahrscheinlich nicht gefallen.

Zerstörung mit Stil

Danger Dan scheut vor schwierigen Themen wie Ängsten, Leben und Tod sowie natürlich Politik nicht zurück. Das macht ihn als Künstler mit Haltung aus. Auf Ode an den Mord folgen die letzten drei Songs wie eine Trilogie der Vergänglichkeit. In Eine gute Nachricht siegt für den Moment noch die Liebe und das Verlangen nach nicht endender Zweisamkeit. Wem in einem solchen Dating-Moment die richtigen Worte fehlen, braucht das nächste Mal nur diesen Song abspielen. Der Satz „Wenn du willst, dann schlaf doch heut‘ bei mir“ trifft die gute Mitte zwischen Kitsch und geschickter Anmache. In Tesafilm dämmert nach melancholischer Zerstreutheit dann die Einsicht, dass nichts den Körper vom Sterben abhält. Streichinstrumente beenden das Lied auf eine schöne und zugleich bedrückende Art.

Beginne jeden Tag mit einem Lächeln schließt den Prozess mit einem gewaltigen Ende ab. All der angestaute Druck, den die performative kapitalistische Gesellschaft aufbaut, wird hier hemmungslos abgelassen. Die von Bandkollege Panik Panzer gebrüllten Kalenderspruch-Zeilen setzen die Absurdität perfekt in Szene. Die pure Anstrengung des Lebens geht bei diesem Album-Finale sicher an niemandem spurlos vorbei.

Um all das selbst zu erleben, sollte man es sich mit einem Getränk gemütlich machen oder in Ruhe mit Kopfhörern spazieren gehen. Dieses Album verdient trotz fehlendem Hip-Hop alle Aufmerksamkeit.

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