„Nicht alle Studierenden fanden die Onlinesemester belastend“

In der psychologischen Beratungsstelle der FU arbeiten sieben Psycholog*innen. Wie erlebten sie ihre Arbeit während der Pandemie und was erwarten sie für das Jahr 2022? Lena Baumann hat mit Dr. Michael Cugialy gesprochen. 

Das Studierenden-Service-Center (SSC) ist Sitz der psychologischen Beratungsstelle. Foto: Lena Baumann

Dr. Michael Cugialy ist ausgebildeter Psychotherapeut und Mitarbeiter der psychologischen Beratungsstelle des FU. Seine Schwerpunkte sind soziale Ängste bei Studierenden, Arbeitsstörungen und Prüfungsängste. 

FURIOS: Wie hat sich die Nachfrage nach psychologischer Beratung während der Pandemie verändert? 

Michael Cugialy: Für das Jahr 2021 fehlen uns noch ein paar Daten, aber von dem, was ich bisher sehen kann, übersteigt die Zahl jene von 2019 und 2020 deutlich. 2020 lag sie unter dem Durchschnitt: 2019 gab es 906 Erstgespräche, 2020 dann 750.

Wie erklären Sie sich das? Die Pandemie begann ja im März 2020.

Das liegt daran, dass in den Monaten März und April 2020 die Anfragen nach Einzelberatungen deutlich unter denen der Vorjahre lagen. Die psychischen Folgen einer Krise gehen oft mit einer gewissen Latenz einher. Die Menschen gehen nicht sofort zur Therapie oder zur Psychologischen Beratung, wenn eine Krise einsetzt. Zunächst werden da eher alltagspraktische Probleme fokussiert, zum Beispiel wie man an Geld kommt, wenn der Job pandemiebedingt wegfällt. Die emotionale Belastung, die psychische Probleme mitbedingt, baut sich erst im Laufe einer Krise zunehmend auf. Das haben wir mit hoher Nachfrage nach Einzelberatungen vor allem ab der zweiten Jahreshälfte 2021 gesehen. 

Mit welchen Problemen sind die Studierenden in dieser Zeit zu Ihnen gekommen? 

Wir können da nicht wirklich einen Unterschied zu den Vorjahren feststellen. Die häufigsten Ursachen über all die Jahre sind depressive Symptome oder Arbeitsstörungen. Das wechselt sich immer ab. 2019 kamen die meisten wegen depressiver Symptome. 2020 waren die Arbeits- und Leistungsstörungen häufiger. In beiden Jahren lagen diese beiden Beratungsanlässe von der Zahl sehr nah beieinander. Einsamkeits- und Isolationsgefühle wurden im Vergleich zu den Vorjahren auch häufiger genannt.

Wie haben Sie auf diese Probleme reagiert?

Wir bieten wesentlich mehr Workshops zu Arbeitsstörungen, Motivation oder Problemen mit dem Aufschieben von Aufgaben – also Prokrastination – an. Das geht auch online sehr gut und wir konnten sie auch in den letzten zwei Jahren anbieten. Ich biete zum Beispiel einen Workshop an, der Neustart ins Studium heißt. Er wendet sich an Studierende, die ihr Studium unterbrechen mussten, beispielsweise weil sie ein Kind bekommen haben, viel arbeiten mussten oder Misserfolg erlebt haben und dann Schwierigkeiten hatten, sich auf ihr Studium zu fokussieren.  

Werden die Workshops gut angenommen? 

In den letzten Jahren sind die Zahlen etwas rückläufig, aber das hat sich mit der veränderten Lebensrealität der Studierenden gewandelt. Langfristig angelegte Workshops werden nicht mehr so wahrgenommen und die meisten suchen eher die Einzelberatung auf – dabei ist ein Workshop je nach Problem oft hilfreicher und wir verweisen auch darauf. Die Workshops zur Prokrastination und Prüfungsangst werden beispielsweise sehr gut angenommen. Hier machen die Studierenden die Erfahrung, dass es anderen Teilnehmer*innen genauso mit ihren Problemen geht. 

Und wie gehen Sie mit Studierenden um, die mit Depressionen zu Ihnen kommen?

Eine Depressionsbehandlung findet bei uns nicht statt: Das ist eine psychische Störung, die von Psychotherapeut*innen behandelt werden muss und für die die Krankenkasse zahlt. Das Angebot in Berlin ist groß, aber man muss einen Therapieplatz oft lange suchen und dann auch noch warten. Wir vermitteln grundsätzlich keine Therapeut*innen, aber wir sind in mehreren Beratungssitzungen da, unterstützen bei Krisen und erklären allgemein, mit welchen Suchmöglichkeiten man einen Therapieplatz finden kann. 

Bei den Zahlen sind Sie zu siebt ja gut ausgelastet. 

Tatsächlich, ja. Zu den Beratungsangeboten kommen auch noch die Workshops hinzu und einige andere Veranstaltungen. Nach wie vor kommen die Leute vor allem zu unseren Einzelgesprächen. Seit Januar 2021 gab es keinen Slot, der nicht vergeben wurde – im Gegenteil, wir haben versucht noch mehr Slots freizumachen. Die Wartezeit beträgt noch immer vier bis fünf Wochen, wir sind sehr gefragt. Das hat auch mit einem grundsätzlichen Wandel der gesellschaftlichen Einstellungen zu tun: Es ist heute viel selbstverständlicher, bei Krisen oder Problemen sich psychologische Hilfe zu suchen.

Wie konnten Sie das Onlineangebot für sich nutzen? 

Das wird noch immer genutzt. Videoformate finde ich sowohl für die Einzelgespräche als auch Workshops perfekt. Darüber können wir viele unserer Studierenden erreichen, zum Beispiel auch die, die gerade nicht in Berlin oder in Quarantäne sind. Ohne die Pandemie hätte diese Entwicklung und die Akzeptanz dieser Art von Videogesprächen wahrscheinlich nicht so schnell geklappt.

Hat sich durch das erste Präsenzsemester etwas bei Studierenden geändert, die zu Ihnen kommen?

Bisher haben wir das noch nicht festgestellt. Nach meiner subjektiven Einschätzung würde ich sagen, dass die Nachfrage etwas zurückgehen wird, auch einfach weil Sommer ist und die Pandemie nicht mehr so eine zentrale Rolle spielt. Andererseits ist der Ukrainekrieg eine neue Bedrohung und Belastung. Auch Studierende mit sozialen Ängsten stehen durch den Präsenzunterricht vor neuen Herausforderungen. Für diese war es unter Umständen leichter an einem Seminar über Webex teilzunehmen als vor Ort an der Universität. Ein Beispiel dafür, dass nicht alle Studierenden die Onlinesemester belastend fanden.

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