Selbstoptimierung – erstrebenswerte Ideale oder gesellschaftlicher Zwang?

Egal ob Körper, Karriere, Beziehungen oder Erholung – besser geht immer. Die aktuelle Ausstellung der Kleinen Humboldt Galerie wirft einen kritischen Blick auf den zwanghaften Wunsch nach Verbesserung des Selbst. Mira Schwedes war vor Ort.

Der Ausstellungsraum ist dem Motto der jeweiligen Elevation nachempfunden. Besucher*innen können auf Stühlen, Sitzkissen oder einem weißen Bett Platz nehmen. Bild: Mira Schwedes.

Auf einem pinkfarbenen Glossar steht der Titel der neuen Ausstellung der Kleinen Humboldt Galerie (KHG) in Großbuchstaben: I AM ELEVATING IN ALL WAYS und darunter: MANIFESTING AFFIRMING HUSTLING GLOWING UP. „Selbstoptimierung als Phänomen der Gegenwart“ ist das Thema der aktuellen Ausstellung des studentischen Kurator*innenkollektivs. In drei Etappen – sogenannten Elevations – präsentieren die 22 Mitglieder der KHG Arbeiten von 15 Künstlerinnen und Künstlern, geknüpft an verschiedene Räume der Selbstoptimierung. Die Räume sind dabei nicht nur metaphorisch gemeint. Am 12.07. eröffnete der Raum mit dem Titel Bedroom, ab dem 25.07. konnte man das Office besuchen und im August folgte Gym and Wellness.

Nicht nur die Räume wechseln dabei von privaten hin zu öffentlichen Räumen, auch die Kunstwerke thematisieren immer wieder, wie Privatsphäre und Öffentlichkeit im Zuge der persönlichen Selbstoptimierung oft untrennbar ineinander übergehen. Dabei geht es eben nicht nur um Trends, Selbstdarstellung und Anpassung an eine optimierte Öffentlichkeit. Die erste Elevation überzeugt vor allem durch ein intensives Gefühl von Privatsphäre und Intimität.

Beim Betreten des Lichthofs (Ost) der Humboldt-Universität zu Berlin wird die Aufmerksamkeit von einer Vielzahl von Stimmen eingefangen, die aus einem Bildschirm in der Mitte des Raums klingen. Neben Spiegel, Vase und einem Nachttisch mit personalisierter Schlafmaske liegen dort Kissen auf weißem Teppichboden und laden zum Niederlassen und Zuhören ein.

Der Bildschirm präsentiert den Gäst*innen im weißen Schlafzimmer die Perspektive einer virtuellen Home-Assistentin mit dem Namen Lauren. Durch den verzerrten Blick eines Fisheye-Objektivs beobachtet man Nutzer*innen von Lauren, die über die künstliche Assistenz berichten. Laurens Hilfe reicht von Erinnerungen an die Einnahme von Medikamenten bis hin zu Ratschlägen zu Art und Häufigkeit von Haarschnitten. Das Video ist Teil eines Projekts der gleichnamigen Künstlerin Lauren Lee McCarthy. Über allem steht die Frage: Weiß Lauren besser, was mir guttut, als ich selbst? Und wie kann ich das herausfinden, etwa wenn es Themen wie das eigene psychische Wohlbefinden betrifft?

Das Kunstwerk LAUREN ist Teil einer Serie, in der die Künstlerin Lauren die Rolle einer virtuellen Home-Assistentin annimmt. Bild: Mira Schwedes.

Produktiver Austausch über eigene Ideale

Die Ausstellung beantwortet diese Frage nicht, sondern stellt viele weitere: Wer bin ich? Wer will ich sein? Wer soll ich sein? Und wie unterscheiden sich diese Ansprüche voneinander? Der Aufbau des Ausstellungsraums soll die Besucher*innen mit diesen Fragen aber nicht allein lassen, sondern einen produktiven Austausch auf den bunten Sitzkissen im Lichthof starten. Daran arbeiteten die Mitglieder der Kleinen Humboldt Galerie seit über neun Monaten, erzählt Saskia Schiemann, die die erste Elevation mit organisiert und kuratiert hat.

Die Kleine Humboldt Galerie wurde bereits 1978 gegründet, damals noch von Mitarbeiter*innen des Rechenzentrums der Humboldt-Universität. Im Jahr 2009 hat sich die KHG als studentische Initiative neu organisiert und realisiert nun jährlich Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Die Themen der verschiedenen Ausstellungen sind äußerst vielfältig, mindestens genauso sehr unterscheiden sich aber auch die einzelnen Kunstwerke der aktuellen Ausstellung voneinander und beweisen alternative und originelle Herangehensweisen an das Thema Selbstoptimierung.

Wenn Selbstoptimierung existenziellen Charakter annimmt

So stößt man mehr oder weniger unvorbereitet auf die Installation Virgin 2.0 der Künstlerin Agrina Vllasaliu. Die Arbeit umfasst einen temperierten Wassertank, in dem circa 30 Zellulose-Kreise liegen. Die gelb-rötlichen Scheiben sind künstlichen Hymen nachempfunden, die sich manche Frauen vor der ersten Hochzeitsnacht operativ einsetzen lassen, um eine (künstliche) Blutung nach dem Geschlechtsverkehr zu garantieren und damit die eigene Jungfräulichkeit zu beweisen.

Virgin 2.0 demonstriert besonders eindrucksvoll, welch existenziellen Charakter die körperliche Selbstoptimierung besonders für Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft annehmen kann. Es stellt sich die Frage, wann Selbstoptimierung noch durch eine freie Entscheidung vollzogen und wann sie überlebensnotwendig wird. Das Wort „Optimierung“ erweckt die Assoziation einer freiwilligen, proaktiven, persönlichen Anstrengung, getrieben von Ehrgeiz oder dem Wunsch nach einem erfolgreicheren, schöneren oder angenehmeren Leben. Die Ausstellung hinterfragt dieses Verständnis des Begriffs und weckt Zweifel daran, ob Selbstoptimierung je wirklich freiwillig sein kann

Künstlerin Agrina Vllasaliu stellt für ihr Projekt Virgin 2.0 künstliche Hymen aus Zellulose her. Bild: Agrina Vllasaliu.

Die Bilder der Malerin Ofra Ohana bilden eine Art Rahmen für die Kunstwerke der ersten Elevation und verbinden das unsichtbare Private mit kollektiven Erfahrungen des alltäglichen Lebens, wie dem Betrachten des eigenen Spiegelbilds. Entstanden in der Isolation, reichen die Identifikationsmöglichkeiten der Gemälde weit über die Pandemiezeit hinaus. Die Möglichkeit, sich beim Betrachten der Werke in ein Bett mit weißer Bettwäsche zu setzen, löst produktives Unbehagen aus. Der Einblick in die Arbeit von Ohana erscheint dadurch noch intimer und sensibler.

Die Intimität der Ausstellungserfahrung hinterlässt am Ende des Abends einen besonders starken Eindruck. Ein eingeschweißtes künstliches Hymen darf ich aus dem Lichthof mitnehmen. Es hängt nun an meiner Wand und erinnert dort an die Vielzahl an Ansprüchen und Idealen – bewusste wie unbewusste –, denen ich tagtäglich versuche zu entsprechen, und daran, auch mal innezuhalten und einfach zu sein.


Die Ausstellung I AM ELEVATING IN ALL WAYS endete am 12.08.2022. Informationen zu weiteren Ausstellungen, Workshops und den Künstler*innen sind auf der Website der Kleinen Humboldt Galerie zu finden: https://www.kleinehumboldtgalerie.de.

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