„УКРАЇНА МАЄ ПЕРЕМОГТИ” – „DIE UKRAINE MUSS SIEGEN”

Vor fast elf Monaten begann die Ausweitung des russischen Angriffskrieges auf das gesamte Gebiet der Ukraine. Nun stellte sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Fragen der Studierenden aus Berlin und Frankfurt (Oder). Mariya Martiyenko berichtet.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wurde aus Kiew zugeschaltet. Foto: ©️ Mariya Martiyenko

Zuletzt sprach er vor den Vereinten Nationen, vor den Regierungschef*innen der G7-Staaten, vor dem Bundestag und dem EU-Parlament. Nun, am 17. Januar 2023, nahm sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Zeit, um mit Studierenden in Berlin und Frankfurt (Oder) zu sprechen. Bereits letzten Sommer stattete die ukrainische Botschaft der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) einen Besuch ab, bei dem die Idee für ein solches Gespräch entstand. Als eine der wenigen deutschen Universitäten hat die Viadrina einen Ukrainistik-Lehrstuhl.

Am Nachmittag im Fritz-Reuter-Saal der Humboldt-Universität Berlin waren alle 280 grünblau-gepolsterten Stühle besetzt. Leise besprachen sich Sitznachbar*innen. Einige Studierende schilderten, dass es ihnen wichtig sei den Krieg nicht in Vergessenheit geraten, nicht zum Alltag werden zu lassen. Andere wiederum sahen es auch als einen Appell an die Bundesregierung, endlich zu handeln, die Erzählung von den Alleingängen fallen zu lassen und die Erlaubnis für die Lieferung der Leopard 2 Kampfpanzer zu geben. Sie alle betonten ihre Wertschätzung Selenskyj gegenüber, dass er sich diese Zeit nehme.

Reformen braucht die Ukraine

Plötzlich schaltete sich der ukrainische Präsident hinzu: schwarzer Pulli, das goldene Wappen der Ukraine auf der Brust und auf der Flagge im Hintergrund. Von den etwa 70 Minuten, die er Zeit hatte, vergingen die ersten zehn mit den Einleitungsreden der beiden Präsidentinnen der HU und der Europa-Universität Viadrina. Als schließlich Selenskyj zu Wort kommen wollte, fiel bei ihm kurzzeitig das Licht aus.

Grimmig schaute er in die Kamera. Die Ukraine müsse und könne siegen, sagte er. Der Frieden müsse einkehren. In seiner Ansprache berichtete er von dem Raketeneinschlag in Dnipro vergangenen Samstag, bei dem ein Wohnhaus zerstört und mindestens 44 Menschen ums Leben gekommen waren. Dann richtete er sich an die Studierenden: „Ihr gestaltet die Zukunft: Habt keine Angst vor Veränderungen, schreitet nach vorne.“

Im Anschluss stellten Studierende ihre Fragen. Es ging um sexualisierte Gewalt im Krieg, aber auch um die Istanbul-Konvention, einer Reform des Europarats für die Prävention häuslicher Gewalt, die vergangenen Sommer vom ukrainischen Parlament ratifiziert wurde. Ungeachtet des Krieges werden innenpolitische Themen angegangen, betonte er.

Die Studierenden erkundigen sich kritisch nach der Rechtsstaatlichkeit und den Parteiverboten in der Ukraine. Selenskyj entgegnete, es seien ausschließlich von Russland finanzierte und kontrollierte Parteien verboten – Befürworter*innen des brutalen Angriffskrieges im eigenen Parlament seien nicht zugelassen. Für den EU-Beitritt notwendige Reformen würden nicht für die EU beschlossen werden, sondern für die Ukraine, unterstrich der Präsident.

„Deutsche Waffen retten ukrainische Leben”

Im Laufe des Gesprächs sprach Selenskyj mehrmals seinen Dank aus: einer Studentin aus Frankfurt (Oder) für ihre Unterstützung von ukrainischen Studierenden, der deutschen Gesellschaft für die Integration der Geflüchteten und dem Bundeskanzler Olaf Scholz für das Luftabwehrsystem IRIS-T, das bereits viele Menschenleben gerettet habe. Gleichzeitig forderte er mehr Waffenlieferungen. Mit deutschen Kampfpanzern könne die Ukraine ihr Territorium besser schützen und dem Krieg ein Ende setzen. 

Beim Sprechen durchbohrte Selenkyj mit seinem Blick förmlich die Kamera und nahm mit seiner Gestik den gesamten Raum ein. Er brachte das Publikum sogar zum Lachen, als er ankündigte, dass er kurz ein Telefonat führen müsse: Ihm sei nicht etwa nach anderer Gesellschaft, er werde von den Streitkräften an der Front angerufen.

In der Zwischenzeit sprang spontan der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev, vor Ort anwesend in Berlin, für ihn ein. Was die Genehmigung der Lieferung von Leopard 2 Kampfpanzern angehe, sei er zuversichtlich, lächelte Makeiev.

Zwischen Kritik und Heimweh

Schon bald löste Selenskyj ihn wieder ab. Die letzten zwei Fragen wurden auf Ukrainisch gestellt. Ein Jurastudent hakte nach, wie das Auswahlverfahren von Botschafter*innen abliefe und kritisierte eine Personalwahl in der Vergangenheit. Schmunzelnd lud der Präsident ihn ein, sich zu bewerben. Als zum Schluss eine ukrainische Studentin von ihrem neu aufgenommenen Studium in Frankfurt (Oder) und ihrem Heimweh erzählte, wirkte der Präsident zum ersten Mal im Gespräch betrübt. Er versprach ihr, dass es wieder sicher sein werde, nach Hause zu kehren.

In der Schlange vor der Garderobe tauschten sich die Studierenden über das Erlebte aus. Sie beschrieben wie nervös und geehrt sie sich beim Fragenstellen fühlten und lobten die Auseinandersetzung mit kritischen Themen – das mache Demokratie aus.

Am Ende blieb bloß die Frage, ob der Präsident die Zeit nicht hätte besser nutzen können – bei der Schwere und Bedeutung seiner Aufgaben, hätten ihm anderthalb Stunden mehr Schlaf bestimmt nicht geschadet. Dass sich Selenskyj diese Zeit trotzdem genommen hat, verdeutlicht die Relevanz der deutschen Unterstützung, die ihm zufolge trotz allem noch nicht ausreiche und, sinngemäß, nur mit angezogener Handbremse erfolge.


Das Gespräch wurde live auf Youtube übertragen und ist weiterhin einsehbar.

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