Leben deine Nachbarn noch? Schau lieber mal nach!

Oben Erde, unten Himmel offenbart, wie unsere Welt Kopf steht und die Verwesung unserer Gesellschaft kein metaphorisches Phänomen mehr ist. Die Autorin Milena Michiko Flašar zeigt uns, wieso Unnahbarkeit auf Dauer zur Gefahr wird. Eine Rezension von Nadia Jusufbegovic.

Milena Michiko Flašar weckt mit ihrem Roman ein ungeheures Bedürfnis nach Mitmenschlichkeit. Bild: Nadia Jusufbegovic

Mit dem ersten Satz des Buches „Ich war gerne allein.“ ist der Kern dieser Geschichte getroffen. Welche Probleme hinter dieser Einstellung lauern, macht Milena Michiko Flašar in Ihrem Buch Oben Erde, unten Himmel unmissverständlich deutlich. Die Protagonistin Suzu erlebt einige unerwartete Wendungen in ihrem Leben, die ihr durch ironische Weise zeigen, wieso Einsamkeit nicht immer erstrebenswert ist.

Warum es sich lohnt, den Nachbarn „Hallo” zu sagen 

Suzu, eine junge, in sich gekehrte Frau, lebt in Japan und arbeitet als Kellnerin in einem Restaurant. Dort wird sie allerdings aufgrund mangelnder Empathie den Kund*innen gegenüber von jetzt auf gleich gekündigt. Kurz darauf wird sie von ihrem einzig verbleibenden sozialen Kontakt, einer Onlinedating Bekanntschaft, geghostet und ihr bleibt so gut wie nichts im Leben. Doch den Fakt, dass sie nichts bis auf ihr bescheidenes Schlaffouton und ihren Hamster hat, akzeptiert sie mit einer besorgniserregenden Gleichgültigkeit. Das Leben ist eben nicht dazu da, um schön zu sein. Ihres ist akzeptabel und das reicht ihr. Noch. 

Aus der Not heraus beginnt sie einen Job als Reinigungskraft bei einem Unternehmen, welches sich zu ihrem Entsetzen als Leichenfundortreinigungs-Unternehmen entpuppt. Doch die wohl größte Überraschung ist das familiäre Band, welches sich zwischen den Mitgliedern des Putztrupps entwickelt. Unter Anleitung von Herrn Sakai widmen sie sich sogenannten „Kudokushi-Fällen“, dem Auffinden und Reinigen von Orten, an denen vergessene Menschen vor langer Zeit auf natürliche Weise den Tod gefunden haben. Durch diese makabere Botschaft ist es für Suzu unvermeidlich, sich mit der Entfremdung der Gesellschaft und den damit einhergehenden Problemen auseinanderzusetzen.

‚Wie viele Formen von Einsamkeit es gibt‘, sagte ich. ‚Es gibt wohl so viele wie es Menschen gibt.‘

Nach und nach tritt Suzu aus ihrer Blase der Einsamkeit heraus und lernt sowohl ihren gleichaltrigen Kollegen Takada als auch ihre schwerhörigen Nachbarn besser kennen. Verrückt, dass sie Wand an Wand wohnen und doch nicht wissen, wie es eigentlich in der Nachbarswohnung aussieht. Würde sie merken, wenn das Ehepaar stirbt oder würde sie ihrem Tod vielleicht eines Tages als einem ihrer Fälle begegnen? Ist es ihre Aufgabe, als Nachbarin dafür zu sorgen, dass es nicht so weit kommen darf?

Während Suzu mit diesen Fragen konfrontiert wird, erleidet die Putzgruppe einen harten Schlag. Suzu spürt zum ersten Mal so etwas wie Verlust und Trauer um ihre Mitmenschen. Sie auf diesem einjährigen Weg zu begleiten und zu erleben, wie sie aus sich herauskommt, erfüllt einen nicht nur mit Stolz, sondern auch mit Sorge.

Du musst keine Self-improvement Ratgeber lesen, um freundlich zu sein

In mir beginnt sich, mit dem Verfolgen ihrer Story, die Angst zu regen, ob diese Gleichgültigkeit in uns nicht am Ende giftig für unser Zusammenleben ist. Braucht es wie bei Suzu erst das Beispiel der vor sich hin wesenden Menschen, die niemanden haben, der nach ihnen schaut? Oder verstehen wir rechtzeitig, was für eine große, vielleicht auch ungeahnte Bedeutung es hat, mit seinem Umfeld in Kontakt zu treten? Oben Erde, unten Himmel zeigt, dass es nicht immer so kompliziert sein muss, wie man denkt. Dass es manchmal so einfach sein kann und statt Selbstverbesserungs-Workshops und aufwendigen Selbstreflexionsprozessen, vielleicht einfach ein paar kleine Veränderungen in unserem Alltag ausreichen. Es reicht schon, die Nachbar*innen aufrichtig zu fragen, wie es ihnen geht. Oder sich zu einem Telefonat im Monat mehr mit den Eltern durchzuringen. Vielleicht kann man sich ja sogar bei einer vergessenen Freundin wieder melden.

Oben Erde, unten Himmel offenbart uns, dass wir es sowohl der Notwendigkeit, als auch der Einfachheit der Aufgabe schulden, unseren Fokus etwas mehr auf unsere Mitmenschen zu lenken. 

Oben Erde, unten Himmel erschien 2023 im Wagenbach Verlag und kostet 26€.

Autor*in

Ähnliche Artikel

2 Responses

  1. Anonymous sagt:

    Danke für die tolle Buchauswahl und die schöne Rezession! will ich jetzt auch lesen 🙂

  2. Emko sagt:

    Diese Rezension ist unglaublich wichtig, in einem Zeitalter wo unsere Gesellschaft vereinsamt. Die Existenz einer solchen Rezension beweist, dass nicht nur die Autorin, sondern auch wir als Individuen, uns mit der Tatsache auseinandersetzen müssen. Diejenigen die uns die nächsten sind (unsere Nachbarn) können nicht nur physisch, sowie emotional weit weg von dem sein, was wir als normal anerkennen. Dankeschön für diesen kurzen Einblick in eine Buch, was nicht nur um einen einzelnen handelt, sondern um viele! Laut dieser Rezension ein lesemuss! ^^

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert