Roadtrip durch die amerikanische Realität

Die Galerie C/O Berlin zieht bald nach Charlottenburg. Doch noch ist am Standort in der Oranienburger Straße eine Retrospektive Joel Sternfelds zu sehen. Ronja Seifert hat sie sich angeschaut.

Joel Sternfeld: Washington D.C., August 1974, Courtesy Luhring Augustine, New York. Foto: C/O Berlin

In den Räumen der Galerie C/O Berlin lernt man zu verstehen, was das Wort „Fokus“ wirklich bedeutet. Fiebriges Wahrnehmen von ungewaschenem aber dafür vielleicht überpudertem Leben. Wie in „First Pictures“, der allerersten von insgesamt neun seit 1970 entstandenen Bildreihen von Joel Sternfeld.

Der amerikanische Künstler wurde 1944 in New York geboren und prägte gemeinsam mit anderen Fotografen den Begriff „New Color“ – die Rückkehr von Farbe in der Kunstfotografie. Zahlreiche renommierte Museen zeigen seine Arbeiten. Er erhielt zwei Guggenheim-Stipendien sowie den international anerkannten Deutsche Börse Photography Prize im Jahr 2004.

Gemeinsam mit dem Folkwang Museum in Essen präsentiert C/O Berlin erstmals in Deutschland eine große Retrospektive von Joel Sternfeld, teilte die Galerie mit. Gezeigt werden die vier Serien „American Prospects“, „Sweeth Earth“, „Stranger Passing“ und „On this Site“.

Mit seinem VW-Bus brach Joel Sternfeld auf, um Amerika – das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – zu ergründen. Von seiner Reise hat er zahlreiche Eindrücke mitgebracht:

Ein Mädchengesicht, auch im Blitzlicht so sonnengebräunt, dass man den Abdruck ihres Bikinis für die Träger ihres trägerlosen Kleides hält. Alle Arten von Brauntönen gegen intensives Rot oder Blau auf Fotografien leerer Bars, deren kalter Rauch fast zu riechen ist. Ein blasser kleiner Junge mit riesiger Hornbrille vor schräg aufragenden Häuserschluchten, der so auch einem Detektivcomic entsprungen sein könnte.

Nach dem rauschhaften Sog von „First Pictures“ konfrontiert Sternfeld den Betrachter mit der Distanz von „American Prospects“. Bei der Serie von Großbildkamerafotos ist der intime Beobachter der ersten Bildreihe einem geisterhaft zurückgelehnten Erzähler gewichen.

Man sieht die beiläufige Schönheit des Flussbadens, die überzogen und künstlich wirkende Szenerie eines Wellenbades in schwimmbadblau, einen verlassenen Basketballkorb im Ocker der Prärie oder einen erschöpften Elefanten, der in einer Wasserlache auf der Straße sitzt. All dies sind Momente, die zwar die vielfältige amerikanische Lebenswelt abbilden, aber ob ihrer Skurrilität und Ehrlichkeit platte Klischees ironisch umschiffen.

Oft haben die gezeigten Werke einen gesellschaftskritischen Hintergrund: Nüchterne und klare Fotografien von Verbrechenstatorten, Kontraste von Natur- und Stadtlandschaften oder die vergessene Prom-Queen, die es nie bis zum Abschlussball geschafft hat. Genaue Beobachtungen von amerikanischen Alltags- oder auch Ausnahmeszenen, Tristesse und Absurdes im Großen und Kleinen, all das kann in der großen Retrospektive erkundet werden.

Man möge sich also in die C/O begeben und Sternfeld auf seiner Reise begleiten. Wie bei jedem Roadtrip weiß man vorher nicht genau, was einen erwartet, aber dass er die Augen für Farben, Köpfe und Kurioses öffnet, ist bei diesem nicht unwahrscheinlich.

Joel Sternfeld – Retrospektive.
Noch bis zum 13. Januar 2013,
täglich von 11 bis 20 Uhr geöffnet.
C/O Berlin im Postfuhramt, Oranienburger Straße 35/36, 10117 Berlin-Mitte.

Der Eintritt kostet 10 Euro, für Studierende ermäßigt 5 Euro.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2010

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