In abgestandenen Gewässern

In der Lansstraße in Dahlem finden sich wesentliche Gebäude des FU-Campus. Die Geschichte hinter diesem Straßennamen ist weniger erfreulich. Margarethe Gallersdörfer erklärt warum.

Die Lansstraße in Dahlem verläuft zwischen Fabeck- und Takustraße. Foto: Christopher Hirsch

Geht man die Lansstraße entlang, läuft man unweigerlich an einer der wichtigsten FU-Adressen vorbei – das John F. Kennedy-Institut. Auch das Museumszentrum Dahlem findet sich hier. Eine kurze, typische Straße Dahlems ist die Lansstraße, mit Bäumen und Gebäuden hinter hohen Zäunen, kein Wasser weit und breit. Vielleicht wäre es ihrem Namensgeber, dem Marine-Admiral Wilhelm Lans, ganz recht gewesen, dass es an der Lansstraße nicht mal einen Tümpel gibt. Schließlich wurde er auf See sehr schwer verletzt.

Doch egal, was er von der Straße gehalten haben mochte; es ist interessanter, sich zu fragen, wie er eigentlich zu der Ehre kam, ihr Namensgeber zu sein. Gibt man seinen Namen in eine Suchmaschine ein, finden sich unter anderem ein quellenloser Wikipedia-Eintrag sowie eine Webseite über die „deutschen Schutzgebiete“. Schutzgebiete, das war die euphemistische Bezeichnung für Kolonien im deutschen Reich unter der Herrschaft Kaiser Wilhelms des Zweiten.

Eine dieser Kolonien war „Kiautschou“, das Gebiet um die chinesische Stadt Qingdao. China war im Lauf des 19. Jahrhunderts zu einer Halbkolonie geworden – „halb“, weil neben den Kolonialmächten ein chinesischer Staat mit einer Kaiserdynastie bestehen blieb. Dieser blieb jedoch meist keine andere Wahl, als chinesisches Gebiet an europäische Großmächte sowie Japan und die USA zu „verpachten“. Oft handelte es sich dabei um Häfen. Neben wirtschaftlichen Interessen trieb die Kolonialmächte auch missionarischer Eifer an: Sie versuchten, die Bevölkerung zu christianisieren.

Ein deutscher Admiral und chinesische Kampfkünstler

Kurz vor der Jahrhundertwende regte sich jedoch Widerstand: Die Yihetuan, chinesische Kampfkünstler, erhoben sich gewaltsam gegen die „fremden Teufel“. Ihre Wut traf auch christliche Chinesen. Die acht Kolonialmächte gründeten daraufhin ein „Expeditionskorps“, das den sogenannten „Boxeraufstand“ niederschlagen sollte. Man befürchtete, den Zugang zum Hafen Tianjin und damit zum Land- und Seeweg nach Peking zu verlieren.

Hier kommt Wilhelm Lans ins Spiel: Die Expedition begann mit der Bombardierung des Dagu-Forts (damals „Taku“ transkribiert) durch das deutsche Kanonenboot „Iltis“ – unter dem Kommando von Wilhelm Lans. Während des Angriffs wurde er schwer verletzt; in Deutschland erklärte man ihn dafür zum Helden. Die „Iltis“ war zudem das erste Schiff, dem der Orden „Pour le mérite“ („Für das Verdienst“) verliehen wurde. Lans selbst, der „Held von Taku“, wurde später in den erblichen Adelsstand erhoben.

Takustraße, Iltisstraße – das sind ebenfalls Straßen in Dahlem, ebenfalls Adressen der FU. Weite Teile von Dahlem erinnern also an deutschkoloniale „Heldentaten“. Kein Wunder, Dahlem war ein kaiserliches Prestigeprojekt. Die Frage ist: Sollte man diese Straßen nicht langsam mal umbenennen? In dem Krieg, der Wilhelm Lans’ Angriff folgte, starben hunderttausende Chinesinnen und Chinesen, unzählige wurden verletzt und vergewaltigt. Sind die Namen Lans-, Taku- und Iltisstraße (die es übrigens auch in Köln gibt) also völlig unpassend oder eben Zeitgeschichte?

Bezirk entscheidet gegen Umbenennung

In Dahlem ist diese Debatte bereits geführt worden: Die Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf entschied sich gegen eine Umbenennung. Jedoch wurde 2011 an der Lansstraße, Ecke Iltisstraße, eine Informationsstehle enthüllt, auf der der FU-Sinologe Hauke Neddermann die drei Namen in ihren kolonialen Kontext setzt – Gedenken der Opfer statt Heldenverehrung.

Keine Selbstverständlichkeit: Andernorts treibt die Heroisierung von Käpt’n Lans und seiner „Iltis“ noch immer Blüten. In Hamminkeln, Wilhelm Lans’ Geburtsort in Nordrhein-Westfalen, und im nahen Moers tragen ein Schützenverein und eine Marinekameradschaft stolz und bewusst seinen Namen. Gedenkfeiern zu Lans’ Todestag sind der Gemeinde Hamminkeln immer noch einen Eintrag in ihrem Kalender wert. Es scheint, als würde Wilhelm Lans ohnehin nicht so schnell in Vergessenheit geraten. Vielleicht könnte man die Straßen ja doch noch umbenennen.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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1 Response

  1. Chantal-Marie von Lettow-Vorbeck sagt:

    Götz Aly schrieb anlässlich der Umbenennung des Kreuzberger Groebenufers: “Geschichte ist kein Selbstbedienungsladen zum aktuellen Gebrauch. Die Straßennamen einer Stadt dokumentieren Denkweisen, Erfahrungshorizonte, Irrtümer und Scheingewissheiten der jeweiligen Epoche. Deshalb sind sie lehrreich.”

    Erst wenn die letzte Straße umbenannt, das letzte Kinderbuch gegendert, die letzte Quote eingeführt ist, werdet ihr merken, dass die Hölle nicht immer die Anderen sind.

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