Gedärme versus Spucken

2014 ist Shakespeare-Jahr – Zeit, sein Werk wieder einmal zu betrachten. Maik Siegel hat sich deswegen zwei Berliner Hamlet-Inszenierungen angeschaut: Das Berliner Ensemble und die Schaubühne widmen sich dem Wahnsinn.

Lars Eidinger findet auf der Schaubühne zu seiner Paraderolle. Foto: Arno Declair

Lars Eidinger findet auf der Schaubühne zu seiner Paraderolle. Foto: Arno Declair

Vor 450 Jahren kam ein Mensch auf die Welt, der alle, die vor und nach ihm kamen, zu kennen schien. Anders lässt es sich nicht erklären, dass Shakespeare Figuren schuf wie Romeo und Julia, Shylock, Othello oder Falstaff, die jede Seite des Menschseins verkörpern. Die Theater blicken nicht einfach nur in die Vergangenheit, wenn sie seine Stücke immer wieder auf die Bühne hieven – sie zeigen damit, dass Shakespeare uns Menschen auch heute noch erklären kann. Das beste Beispiel dafür ist Hamlet. Auf zwei Berliner Bühnen ergründet er derzeit die Fragen nach Verrat, Wahnsinn und Tod – doch nur auf einer Bühne kann er damit das Publikum erreichen.

Hamlet täuscht Wahnsinn vor, weil er töten will. Sein Onkel Claudius hat seinen Vater ermordet und dem König Krone und Frau geraubt. Hamlets getöteter Vater erscheint ihm als Gespenst und treibt seinen Sohn zur Rache an. Unter dem Deckmantel der Verrücktheit pirscht sich Hamlet näher an sein Ziel, doch fordert die Tat ihre Opfer: auch Ophelia, Geliebte Hamlets, stirbt. Am Ende sind fast alle tot. Was bleibt, ist der Eindruck eines Mannes, der spürt, dass die Zeit aus den Fugen ist.

Effekthascherei

Der Erfolg einer jeden Hamlet-Inszenierung misst sich traditionell am Hauptdarsteller. An der Berliner Schaubühne hat Regisseur Thomas Ostermeier das Glück, mit Lars Eidinger eine Urgewalt im Ensemble zu haben. Man mag über Eidingers rasanten Aufstieg denken, was man will – im „Hamlet“ findet er zu seiner Paraderolle. Leander Haußmanns Hamlet dagegen, gespielt von Christopher Nell, findet im Berliner Ensemble lange nicht in seine Verrücktheit hinein – nur, um sie dann effekthascherisch mit Blut und Gedärmen zu äußern.

Beide Inszenierungen agieren erstaunlich werkgetreu, doch nur der Schaubühne gelingt der Spagat zwischen alt und neu. Wenn Eidinger in einem Moment im Monolog über die Vergänglichkeit alles Irdischen räsoniert und im nächsten schon rülpsend und Erde schluckend über die Bühne hechtet, das Publikum zum „Gangbang“ auffordert und Ophelia anspuckt, dann wirkt das nicht albern, sondern in seinem Wahnsinn erschütternd und aufwühlend. Dagegen ächzen die BE-Darsteller unter dem altertümlichen Text und schweren Kostümen, die augenzwinkernd von der Gemachtheit des Theaters sprechen und dabei doch nur eine innere Distanz zum Zuschauer aufbauen.

Kraftvoller Sound

Viel zu selten gelingen der Haußmann-Inszenierung eindrückliche Bilder: etwa, wenn Hamlet mit der Leiche Ophelias unfreiwillig über die Bühne torkelt. Die musikalische Untermalung unterdessen befördert das Stück ins peinlich Melodramatische: ein instrumentenbewehrtes Duo begleitet den Abend, das mit melancholischer Singer-Songwriter-Musik für Emotionen sorgen soll und damit eher in den verspielten Sommernachtstraum gepasst hätte. Wie kraftvoll dagegen der Sound in der Schaubühne! Dröhnende Beats lassen die Erde erzittern, aus der das Bühnenbild zu großen Teilen besteht. Die Erde verschmutzt im Verlauf des Stücks alle, ein jeder macht sich schmutzig und schuldig am Schicksal aller – nur einer jedoch frisst sie: Hamlet. Gewiss, manchmal wirkt die Inszenierung an der Schaubühne wie Action-Theater. Die subtilen Töne untergräbt das jedoch nicht, auch sie finden ihren Platz.

An der Interaktion mit dem Publikum schließlich wird deutlich, wer mit der Schlächterei seine Zuschauer erreicht: Im Berliner Ensemble steigt Hamlet ins Publikum, um ihm ein bluttriefendes Gehirn zu präsentieren. In der Schaubühne geht das Licht an, damit Eidinger das Publikum fragen kann, ob Hamlet die Schuld am Tod Ophelias trage. Es sind die Fragen dieser Tragödie, die sie so berühmt gemacht haben. Nur auf einer Bühne werden sie gestellt.

Hamlet
von William Shakespeare

Berliner Ensemble
Regie: Leander Haußmann
Mit: Roman Kaminski, Christopher Nell, Norbert Stöß u.a.
Dauer: 210 Minuten
Termine: 9. Juni um 18.00 Uhr

Schaubühne
Regie: Thomas Ostermeier
Mit: Lars Eidinger, Urs Jucker, Judith Rosmair u.a.
Dauer: 165 Minuten
Termine: 27., 28., 30. Mai um 19.30 Uhr

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2010

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