Flaschenpost und Schiffe

Als Träger des Berliner Literaturpreises ist Olga Martynova in diesem Semester Dozentin der Heiner-Müller- Gastprofessur. Am 30. April fand ihre Antrittslesung statt. Von Marlene Klotz

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Olga Martynova ist Trägerin des Berliner Literaturpreises und in diesem Semester Gastdozentin an der FU. Foto: Stephan Töpper

Im schwarzen Kleid mit Pluderrock kommt Olga Martynova mit langen Schritten zur Tür herein. Sieht sie ein bekanntes Gesicht, werden lachend Worte durch den Raum geworfen, auf Deutsch und auf Russisch. Als Trägerin des Berliner Literaturpreises hat die Dichterin in diesem Semester die Heiner-Müller-Gastprofessur am Peter-Szondi-Institut inne. Georg Witte, Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, eröffnet ihre Antrittsvorlesung mit einer Laudatio. Mit beinahe mystischem Unterton erzählt er von Russland, ihrem Heimatland: „Sie kommt aus einer Stadt, die heute anders heißt!“

Olga Martynova wuchs in Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg, auf und studierte dort russische Sprache und Literatur. Mit 28 Jahren verschlug es sie nach Deutschland. Sie lernte die Sprache, die für sie ein neues Medium ihrer Texte werden sollte: Lyrik auf Russisch, Prosa auf Deutsch. Auf die Frage, warum sie auf beiden Sprachen schreibe, hat sie eine einfache Antwort parat: „Ich glaube, ich mag es einfach. Es gibt keinen speziellen Grund. Jede Sprache kann alles.“

Mittlerweile liegen einige ihrer russischen Gedichtbände auch auf Deutsch vor, etwa „Brief an die Zypressen“ oder „In der Zugluft Europas“. 2010 wurde ihr erster auf Deutsch verfasster Roman mit dem Titel „Sogar Papageien überleben uns“ veröffentlicht. In 80 kurzen Kapiteln erzählt er von einer Russin, die nach Deutschland reist. Durch Zufall trifft sie auf einen deutschen Mann, mit dem sie vor 20 Jahren eine Liebesbeziehung führte. Nicht nur das Thema Liebe wird behandelt, auch geschichtliche und philosophische Aspekte spielen eine zentrale Rolle – und die Bedeutung von Sprache. An einer Stelle heißt es: „Jede Beschreibung ist falsch. Der Satz: ‘Ein Mensch sitzt, über seinem Kopf ist ein Schiff’ ist doch vielleicht richtiger als ‘Ein Mensch sitzt und liest ein Buch’.“

Faszination Sprache

Sprache und die Faszination für Literatur sind auch die Schlüsselthemen von Martynovas Text „Ich werde sagen Hi!“, einem Kapitel aus ihrem Roman „Mörikes Schlüsselbein“, für den sie 2012 den Ingeborg- Bachmann-Wettbewerb gewann. „Literatur als Flaschenpost“, der Text, für den sie Ende vergangenen Jahres mit dem Berliner Literaturpreis ausgezeichnet wurde, behandelt die Rolle von Literatur in der Gesellschaft und die Beziehung von Autor und Leser.

Olga Martynova liest ihn am Ende der Laudatio. Es ist still im Raum. Da ist nur ihre Stimme mit diesem starken R, das durch jede Zeile rollt. „Ich bemühe mich, schön zu lesen“, sagt sie und streicht sich mit beringter Hand Strähnen aus dem Gesicht.

Am Ende ihrer Lesung gratuliert sie einer jungen Frau im Publikum, die ihr auf Russisch eine selbstgeschriebene Kurzgeschichte geschickt hat. Als sie auf Russisch spricht, erhellt sich ihr Blick und das kinnlange schwarze Haar fällt ihr wieder etwas ins Gesicht.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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