Ewiger Ehemaliger: Ralf Kabelka | FURIOS Online

Ewiger Ehemaliger: Ralf Kabelka

Ralf Kabelka wollte eigentlich etwas Seriöses machen. Doch schon während seiner Zeit an der FU kam er auf Abwege – und landete schließlich an der Seite von Jan Böhmermann. Ein Porträt. Von Corinna Cerruti und Anselm Denfeld.

Zu Besuch in Köln-Ehrenfeld. Foto: Tim Gassauer

Das Wasser spritzt auf die Motorhaube. Beherzt zieht er den Schlauch hinter sich her und umkreist den alten Volvo. »Boah, der ist ganz schön dreckig«, sagt Ralf Kabelka. Bei dem Fotoshooting seinen Wagen zu waschen, war seine Idee. Dafür wollte er sich nicht extra herausputzen, eine glamouröse Kulisse war nicht nötig. Der Familienvater steht lieber in Jeans und Mantel mit seinem praktischen Kombi in der Waschstraße und gibt sich dabei genauso entspannt, wie in all seinen Fernsehauftritten.

Ralf Kabelka wirkt wie jemand, der seine Kinder mit High five begrüßt. Einer, der auf mysteriöse Weise immer mittelalt bleibt und eine sympathische Lässigkeit ausstrahlt – Typ Onkel. Mit locker flockigen Schmankerln des komischen Fachs auf den Lippen und exzentrischem Augenzwinkern begrüßt er jeden Donnerstag hunderttausende Fernsehzuschauer*innen als Sidekick im Neo Magazin Royale. Eine ganze Generation an fernsehbegeisterten jungen Menschen sieht ihm dabei zu, wie er vor dem Studiopublikum steht und von Zeit zu Zeit Jan Böhmermanns Redefluss für eine kurze Pointe unterbrechen darf. Dafür ist er bekannt. Um diese Aufmerksamkeit muss es ihm gehen, denn sonst wäre er nicht so weit gekommen im Mediengeschäft.

„Einen guten Gag riecht man nicht zehn Meter gegen den Wind“

Kabelka war nicht immer der Sidekick. Zehn Jahre lang hat er als seriöser Journalist gearbeitet und ist dann doch als Gag-Autor in die Fernseh-Comedy gerutscht, wo er seit Jahren sein Geld verdient. Er kann zwar den Hampelmann ausschalten – als Redaktionsleiter der Harald-Schmidt-Show hat er große Verantwortung getragen – doch seinen Drang, dem Affen Zucker zu geben, ist omnipräsent. Er verehre das Unerwartete. „Einen guten Gag riecht man nicht zehn Meter gegen den Wind“, findet er und ein gewieftes Lächeln umspielt seine Lippen beim Gedanken an seine besten Witze. Bevor er zu einer durchaus durchdachten Antwort ansetzt, prescht Kabelka eher mit einer Punchline vor: „Humor ist natürlich die Sahnehaube von den ganz Intelligenten!“ Manchmal mache er lieber den schnellen Witz statt sich »mit den großen Dingen« auseinanderzusetzen. „Aber das erfordert ja auch ganz schön Hirnschmalz!“

Und wenn dieser Hirnschmalz einmal anfängt zu arbeiten, hält am besten eine Kamera auf ihn. Denn auch wenn er keine Rampensau ist, liebt er es, zu unterhalten. Nirgendwo glänzen seine inzwischen grauen Strähnen so golden wie im Scheinwerferlicht. Trotzdem beschleicht die Zuschauer*innen das Gefühl, in der Show genau den Ralf Kabelka zu erleben, der er auch ohne Kamera ist. Das liegt auch daran, dass seine Bühnenfigur nie eine penetrante und sprühende ist, wie die von Böhmermann und anderer Show-Kolleg*innen.

Kabelka brilliert eher mit dem immerwährenden Schmunzeln in seiner Stimme, als mit der tagelang gewetzten Messerspitze der Satire. Seine Attitüde scheint aus der Zeit zu stammen, als die täglichen Late-Night-Shows noch nach Generalist*innen riefen, die mit ihrem Dauergrinsen aus jedem Thema einen Beitrag machen konnten, auch wenn feine politische Spitzen dabei oft ausblieben. Das hebt ihn von seinen deutlich jüngeren Comedy-Kolleg*innen beim Neo Magazin Royale ab – und lässt seinen Platz an Böhmermanns Seite zu. „Ich bin jetzt nicht so der riesen ‚Mich-Selbst-Angucker'“, erklärt Kabelka. Er habe nicht das Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen. Viel lieber überlässt er Böhmermann die Pointe und lächelt von seinem Sidekick-Pult, wohlmöglich genau über den Witz, den er als Autor selbst geschrieben hat. Zusammen mit seiner freundschaftlich onkelhaften Art macht ihn das zum geborenen Sidekick.

Die Karriere begann noch vor dem Abschluss

Für sein heutiges Publikum schwer vorzustellen, doch Kabelka war einst einer von ihnen: ein wortgewandter Jungspund, der die Medienwelt so sehr liebt, dass er Teil ihrer werden will. An der FU schreibt er sich in Publizistik-, Informations- und Theaterwissenschaften ein. Während des Studiums beginnt Kabelka fürs Deutschlandradio zu arbeiten, will Kulturjournalist werden. Seine beruflichen Ambitionen lassen ihm jedoch immer weniger Zeit für die Uni. Ohne Abschluss beendet er nach 35 Semestern sein Studium, die Exmatrikulation hat er immer wieder aufgeschoben.

Kein Wunder: Noch als Student arbeitet er in der Redaktion der Harald-Schmidt-Show – zu dem Zeitpunkt der hellste Stern am Himmel der deutschen Late-Night-Unterhaltung. Von da an ist sein tägliches Brot das Show-Geschäft. Mit der Kunstfigur Udo Brömme, einer Persiflage auf junge Saubermann-Politiker der 2000er, wird er fester Bestandteil der Sendung. Schmidt soll Kabelka angewiesen haben, in die Rolle zu schlüpfen, weil er die „Fresse von so einem CDU-Fuzzi“ habe. In dieser Erscheinung schafft er es, sich den Menschen so anzubiedern, dass sie sich gerne vor der Kamera um Kopf und Kragen reden. Als angeblicher „CDU-Abgeordneter“ gelingt es ihm sogar, die Pförtner*innen des Reichstags zu überzeugen, ihm den Plenarsaal des Bundestags aufzuschließen – damit er eine Rede für „seine“ Fraktion üben könne.

Foto: Tim Gassauer

Mit politischen Aktionen hält Kabelka sich zurück. Eine Ausnahme ist sein Besuch eines AfD-Aufmarsches in Berlin. Im November 2015, zeitgleich zum Karnevalsstart im Rheinland, schickte ihn die Heute-Show als Clown verkleidet zur Demo. Als er davon erzählt, blickt er zu Boden, wird ganz ernst: „Ich bin da völlig naiv hingefahren, weil ich ja schon öfter bei der AfD gedreht hatte.“ Die aggressive Grundstimmung, die er dort erlebt habe, sei ihm jedoch völlig fremd gewesen. Während die Demonstrierenden im Hintergrund „Lügenpresse“ rufen, lacht Kabelka zu Beginn des Clips noch in die Kamera und fragt: „Ist das das Mottolied dieses Jahr?“

Was als frecher Satire-Beitrag beginnt, wird schnell bitterer Ernst. Von allen Seiten pöbeln ihn die AfD-Anhänger*innen an, tippen ihm gegen die Brust, schnappen sich seine Clownsperücke und schubsen ihn. Damit kippt die Stimmung auch bei unserem Komiker. Als sich ein Mann über die Gegendemo beschwert, verliert Kabelka die Fassung: „Dahinten sind welche, die sind gewalttätig und intolerant, weil sie euch Rechten auf die Fresse hauen wollen und ich finde, die Jungs haben recht!“

Es sind Situationen wie diese, die den Humoristen aus der Reserve locken. Kabelka hält nichts von einem „Comedy-Proporz“, bei dem alle gleichermaßen auf die Schippe genommen werden. Comedy sollte total „ungerecht, einseitig und authentisch“ sein. Dass er sich mit den Satiresendungen in einer Blase befindet, ist ihm dabei durchaus bewusst. Niemand aus dem rechten Lager werde damit erreicht. AberComedy sei auch ein „Vehikel“, um Leute auf Situationen aufmerksam zu machen, von denen sie sonst nie hören würden.

Auch wenn sich Fernsehkarrieren genau so unberechenbar entwickeln wie gute Witze, will Kabelka an der Seite Böhmermanns bleiben. Berlin hat ihn zwar nie ganz losgelassen: Neulich habe er sich einen Tag frei genommen, um auf den Spuren seiner Lankwitzer Studienzeit zu wandeln. Aktuell sei er jedoch Teil „der besten Show im deutschen Fernsehen“ und in Köln lebe ja auch seine Familie. Ein Wohnortwechsel zurück nach Berlin ist also nicht in Sicht – seinen alten Volvo putzt Kabelka weiterhin in der Waschstraße irgendwo in Köln-Ehrenfeld.

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