Von der Leinwand in den Hörsaal | FURIOS Online

Von der Leinwand in den Hörsaal

Berlin, die 20er Jahre: Rauschende Partys, Drogenkonsum, Armut, schwere Verbrechen und überall lauern Gegner*innen der Demokratie. Das zeigt die  Kriminalserie »Babylon Berlin«. Der Dozent Hanno Hochmuth holt sie in den Lehrsaal. Kann das gut gehen? Von Rabea Westarp.

Illustration: Marie Gentzel

Mit »Babylon Berlin«, einer aufwendigen Produktion im Hollywoodstil, findet dieses Semester eine angesagte deutsche Serie Einzug in den Lehrplan des Masterstudiengangs Public History an der FU. Auf Basis der Serie gibt der Geschichtsdozent Hanno Hochmuth ein Seminar zur Vermittlung der Stadtgeschichte der Weimarer Republik. Das weckt Skepsis bei Verfechter*innen konventioneller Unilehre, die für viele nun mal das klassische Durcharbeiten von Standardwerken und direkte Quellenarbeit bedeutet. Wie soll eine auf ein Mainstreampublikum zugeschnittene Serie zur fachgerechten Geschichtsvermittlung- und forschung taugen?

Statt schwer verdauliche Texte zu pauken, wird Hochmuths Seminar durch viel Praxisbezug gestützt. Im Gespräch mit Volker Kutscher, dem Autor der Romanvorlage, oder bei einem Besuch der Produktionsfirma der Serie analysieren und hinterfragen die Studierenden die Konzeption der Serie. Als »public historian« müsse man sich gegenüber der in Kritiken für Authentizität gelobten, aber auch hoch-ästhetisierten Serie positionieren. Auf die Kontextualisierung käme es an – und für die Seminarteilnehmer*innen gewiss auch auf fachliches Vorwissen aus Vorlesungen und dem Bachelorstudium. Auf die Frage, ob der Entwurf der goldenen Zwanziger mit den attraktiven Darsteller*innen und einem großen Fokus auf Partynächten denn wirklich ein akkurates Geschichtsbild entwerfe, entgegnet Hochmuth: »Wir können weder wissen, was der ’richtige’ Eindruck einer Zeit ist – noch gibt es den überhaupt. Schon die Zeitgenossen haben ihre Zeit nur ausschnitthaft wahrgenommen.«

Die kritische Betrachtung der Serie in Hochmuths Seminar soll sich nicht auf einen historischen Faktencheck beschränken, sondern das von ihr vermittelte Geschichtsbild der Weimarer Republik analysieren. »Wir mögen zwar einige Fehler im Detail finden, dennoch wird ein sehr breites Geschichtsbild gezeichnet, welches die Weimarer Republik mit ihren vielen Licht- und Schattenseiten sehr ernst nimmt«, erklärt Hochmuth. »Die expressive Freiheit, sexuelle Freizügigkeit auf der einen; das soziale Elend und Demokratiefeinde auf der anderen Seite.« So könne die Serie als eine Erzählung über Demokratie in der Krise gelesen werden und liefert einen unleugbaren Aktualitätsbezug. Zudem habe Babylon Berlin keinen Objektivitäts- oder gar Wahrheitsanspruch. Die Serie möchte glaubhaft sein, was sie laut Hochmuth auch schafft. 

Lernen aus der Popkultur also – Babylon Berlin mag das Potenzial dafür liefern. Aber wie steht es um andere popkulturelle historische Filme und Serien? »Ein Film ist nie so schlecht, dass man sich nicht damit beschäftigen sollte. Gerade, wenn Filme besonders problematisch oder verzerrend sind, ist es wichtig, sich damit auseinander zu setzen und sich zu fragen: Wie wird daraus Geschichte gemacht?«

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