„Das nimmt kein gutes Ende“ | FURIOS Online

„Das nimmt kein gutes Ende“

Jim Jarmusch entwirft in seinem neuen Film „The dead don’t die“ eine Zeitkritik im Gewand des Horrorgenres – wenig subtil, stofflich abgeschmackt, und dennoch ein echter Hingucker, findet Lukas Rameil.

Zombiejagd ist nichts für Anfänger.
Bildmontage / Foto: ©Universal Pictures. Illustration: Joshua Leibig.

Die drei Dorfpolizisten Chief Cliff, Ronnie und Mindy (Bill Murray, Adam Driver, Chloe Sevigny) werden zu einem Tatort gerufen. Im Diner des amerikanischen Provinznestes Centerville liegen zwei von Bisswunden entstellte Körper. Fassungslos quittieren die Cops zunächst das Geschehene, stammelnd suchen sie nach Erklärungen, schließlich bittet der Dienstälteste Cliff seine Kolleg*innen um Einschätzung. Ronnie vermutet leicht verdruckst: Es können nur „Zombies“ gewesen sein. Blutrüstig beginnt Jarmuschs neuer Streifen „The dead don’t die”, und doch, so richtige Horrorfilm-Stimmung kommt nicht auf.

Profitgierige Wirtschaft verursacht Erdachsenverschiebung

Zur gleichen Zeit überschlagen sich im TV Nachrichten über eine Erdachsenverschiebung, ausgelöst durch „Polar-Fracking“. Als Folge davon sprießen Zombies aus ihren Gräbern, bevölkern die Straßen und fallen die Bewohner*innen von Centerville an. Wenn sie nicht im Blutrausch sind, verzehren sie sich nach „Coffee”, „Wifi” oder „Skittles”. Endzeitstufe: Konsum. Jarmusch stößt hier ein bisschen offensichtlich ins kulturkritische Horn. 

Zugegeben, das Zombie-Setting ist nicht sehr originell. Doch nur so entfaltet der Film seine Skurrilität: Die relative Unaufgeregtheit der Bewohner*innen trotz apokalyptischer Endzeitstimmung legt eine Ironie über das Geschehen, die amüsiert und zunächst rätselnd zurücklässt. Liebevoll gestaltet Jarmusch seine Figuren: Da ist der reaktionäre Farmer Miller (Steven Buscemi), der gehässig gegen den im Wald lebenden Einsiedler Bob giftet. Der schrullige Tankstellenwart und Comic-Nerd Bobby, der mit dem coolen Paketdienstfahrer Dean (RZA) brüderlichen Umgang pflegt. Zusammen mit Hank (Danny Glover), dem lethargischen „Gentleman“, rafft er martialisches Gerät für den Kampf gegen die Zombies zusammen. Doch auch sie werden schließlich von den Untoten zerfleischt. Es sind einfach zu viele.

Kein sinnloser Splatter, sondern schön-skurrile Gesellschaftskritik

Das Paradoxe und doch irgendwie zu Erwartende: Selbst, wenn Jarmusch im Horrorgenre wildert, das Ergebnis ist ein Augenschmeichler. Ob affektierte Großstädter wie in „Coffee and Cigarettes“, Vorstädter in „Paterson“ oder tiefste Provinzler wie die Bewohner*innen von Centerville, Jarmusch ästhetisiert jedes Milieu und zollt ihm so liebevoll Tribut. In „The dead don’t die“ werden lakonische Dialoge der Figuren, bei denen immer eine Pointe in der Luft liegt, von visuellen Reizen flankiert: Schmeichelnde, farbkräftige Kostüme und authentische Schauplätze, die schönstes Country-Leben versprühen. Dazu wunderbare Brüche: Der Anblick von Tilda Swinton in einer herrlich abgedrehten Rolle als schottische Bestatterin, wie sie im knallroten Smart Cabrio Zombies im Slalom ausweicht, kurz bei einer Untoten anhält, ihr fast fürsorglich modischen Fauxpas attestiert und sie schließlich sauberen Schnittes mit ihrem Samurai-Schwert zu Staub zerfallen lässt: Zum Zunge schnalzen.

Jarmusch Film-Verfahren zielt dennoch nicht auf den großen Splatter-Spaß ab. Gewollt durchkreuzt der Film sein fiktives Element und legt somit seine gesellschaftskritischen Ambitionen offen: Chief Cliff möchte irgendwann entnervt von Ronnie wissen, warum der sich ständig prophetisch einschalten muss („Das nimmt kein gutes Ende“). Staubtrocken entgegnet der ihm, er kenne das „Drehbuch“. 

Emotional abgestumpft und unfähig sich zusammenzuschließen stehen die Bewohner*innen von Centerville im Widerstand gegen konsumgestörte Zombies auf verlorenem Posten. Selbst Einsiedler Bob, der sich der Zivilisation entzogen hat und das ganze Gemetzel observiert und nicht ohne Schadenfreude kommentiert, kommt zu dem Schluss: „Wir sind gefickt“. Zum Glück ist alles eben doch nur Fiktion. 

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