Ein Stück vom Online-Kuchen

Der Semesterstart ist einerseits geprägt von lustigen Momenten in Videokonferenzen. Doch andererseits ist vielen Studierenden gar nicht nach Lachen zu Mute, meint Julian von Bülow.

„Ich mag diese Professorin. Sie ist so freundlich, wie eine Oma.“ Das kann man in einem privaten Chat durchaus schreiben. Unangenehm wird’s, wenn man das in den Seminarchat mit 40 Kommiliton*innen plus Professorin schreibt. Dann lieber ein Mitbewohner, der den Raum betritt und fragt, ob man ein Stück Kuchen möchte. Doof, wenn der partout nicht versteht, dass er dann höflicherweise auch den 40 anderen eines anbieten sollte oder bitte aus dem Zimmer verschwinden möge. Kleiner Tipp am Rande: Wenn ihr schon gelangweilt mit dem Kopf in der Hand und aufgestütztem Arm vor dem Bildschirm hängt, popelt und wegdämmert: Macht die Kamera aus. Solche Momente prägten die erste Woche Uni. Aber es sind ja nicht nur Studis, die sich erst an – sagen wir’s im hippen 80er-Slang – Telearbeit gewöhnen müssen. 

Es gibt Dozierende, die die technische Einführung mit ihren Studis innerhalb von fünf Minuten erfolgreich abhaken können, andere sind froh, wenn sie nach 30 Minuten aus ihrer selbstverschuldeten Stummschaltung befreit haben. Da wirkt es doch weitaus lässiger, wenn die Dozentin sagen kann: „Während Frau X jetzt Ihre Fragen beantwortet, stelle ich mich auf stumm und hole mir einen Kaffee.“ Aber genug des Spaßes.

Vielen ist weniger nach lachen zu mute

Die Berliner Unis rühmen sich, dass sie 80% des Kursangebots in digitale Veranstaltungen gewandelt haben. Das ist ohne Frage eine große Leistung aller Mitarbeiter*innen. Doch bei den Politikwissenschaftler*innen beispielsweise klagt man, dass einige Leute vollkommen ohne Kurse dastehen. Die Verwaltung hat schon Besserung zugesagt, aber in ohnehin schon belastenden Zeiten ist das eine zusätzliche Herausforderung.

Wer sich über fehlende Kurse und Digitalpannen aufregt, gehört wohl zu den privilegierten Studis. Wenn du nicht weißt, wie du am Ende des Monats die Miete zahlen sollst, weil plötzlich der Nebenjob weg ist oder wie du für die Uni lernen sollst, wenn die Kita geschlossen hat oder die kleine Bude rappelvoll mit lärmenden Geschwistern ist, ist das Studium nicht Priorität Nummer eins. Und auch sonst schlägt vielen die Isolation auf’s Gemüt.

Solidarität? Verschuldung!

Geldsorgen? Da lautet die Antwort von Bundesbildungsministerin Karliczek bisher: Na, verschulden Sie sich doch! Die viel beschworene Solidarität sieht anders aus. In Berlin können Freiberufler*innen und kleine Unternehmen 9.000 bis 15.000 Euro beantragen – rückzahlungsfrei. Derweil erklärt das Berliner Studierendenwerk, dass es kein Geld mehr im Notfonds hat, um Studierenden in Finanznot zu helfen.

Etwa 190.000 Studierende gibt es in Berlin, knapp drei Viertel davon haben laut Studierendenwerk einen Nebenjob, 68% von ihnen brauchen das Geld zum Leben. Unternehmen bekommen Zuschüsse, nicht-geringfügig Beschäftigte können Kurzarbeitergeld bekommen. Die Studis verdienen genauso gut ein Stück vom Kuchen. Damit endlich alle Studis vor dem Bildschirm sitzen können und sehen, wie es ein Mitbewohner dem anderen anbietet – während das ganze Seminar zusieht.

Autor*in

Julian von Bülow

Publizistik-, Kommunikations- und Politikwissenschaft. Twittert als @JulianVonBuelow.

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