Heldenhafte Feminist*innen und kranke Körper

Körperdarstellungen in Comics sind modern und vielfältig, meinen Irmela Krüger-Fürhoff und Nina Schmidt vom Pathographics-Forschungsprojekt. Greta Linde hat sich mit ihnen über Stereotypen, Feminismus und Body Positivity im Comic unterhalten.

Comic „Monsters” von Ken Dahl, Illustration: Ken Dahl (Gabby Schulz)

Comic – Kunst – Körper“ heißt der Offene Hörsaal, der dieses Semester hätte stattfinden sollen. Das Institut für Deutsche und Niederländische Philologie und das Forschungsprojekt Pathographics hatten sich zusammengetan, um über Körperformen in Comics zu diskutieren. Da die Ringvorlesung wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurde, hat Greta Linde mit Prof. Dr. Irmela Krüger-Fürhoff und Dr. Nina Schmidt vom Pathographics-Forschungsprojekt gesprochen und sie zu Körpern, Stereotypen, Trends und gesellschaftlichen Veränderungen im Comic befragt.

FURIOS: Was möchten Sie mit Ihrem Forschungsprojekt Pathographics herausfinden?

Irmela Krüger-Fürhoff (IKF): Wir schauen, wie Erfahrungen mit Krankheit und Behinderung in Texten und Comics dargestellt werden. Der Ausgangspunkt ist, dass es zu literarischen Texten (Illness Narrative) und Comics (Graphic Medicine) schon viel Forschung gibt, aber kaum eine vergleichende Perspektive. Uns interessiert, was literarische Texte und Comics besonders macht und ob sich aus dem Vergleich etwas Neues lernen lässt.

Nina Schmidt (NS): Um das weiter zu spinnen: Was kann das Visuelle und was kann Sprache – gerade wenn es um vermeintliche Tabuthemen wie Krankheit, Behinderung oder Sterben geht?

Was genau versteht die Wissenschaft unter Körperbildern und -formen?

NS: Bei dem Thema Krankheit und Behinderung geht es oft um Selbst- und Fremdbild und die eigene Identität. Bei Identität denkt man vielleicht nicht direkt an Körper, aber man kommt schnell darauf zurück, denn Krankheiten und Behinderungen sind häufig sichtbar. Auch wenn unser Forschungsprojekt sich auf dieses Thema eingeschossen hat, geht es in der Vorlesungsreihe nicht nur darum, sondern auch um Feminismus oder die Darstellung von Race im Comic, wie bei afroamerikanischen Superheld*innen.

IKF: Die Ringvorlesung schaut, inwiefern Körperbilder genutzt werden, um politische und nationale Diskurse zu thematisieren, das passiert z.B. im polnischen alternativen Comic. Aber auch, inwiefern Nicht-Zeigen von und Nachdenken über bestimmte Körper politisch ist. Nacha Vollenweider hat z.B. einen Comic über die „Verschwundenen” der argentinischen Militärdiktatur gezeichnet und zeigt, wie sich die physische Abwesenheit im Comic thematisieren lässt und welche politischen Aussagen damit verbunden sind. Das geht über eine einzelne, individuelle Geschichte hinaus.

Irmela Krüger-Fürhoff zeigt den Comic „Fußnoten“ von Nacha Vollenweider, in dem es u.a. um ihren Onkel geht, der aus politischen Gründen „zum Verschwinden gebracht wurde”. In einer der Szenen sind leere Zimmer und vergitterte Fenster zu sehen. „Es wird viel mit schwarz-weiß gearbeitet“, sagt Krüger-Fürhoff. „Die Abwesenheit dieses Menschen, der umgekommen ist, wird darüber vermittelt, dass eigentlich nur noch Gegenstände an ihn erinnern, wie Fotos oder Kleidungsstücke. Das kann im Comic nochmal anders geschehen als in einem Text.

In der Beschreibung Ihres Projekts heißt es, Körperbilder würden in Comics vielfältig eingesetzt. Heißt das, dass muskulöse Superhelden und schlanke Frauen mit großen Brüsten nur Klischees sind?

IKF: Der Comic ist vielfältiger als man denkt! Es gibt zwar slapstickartige Comicfiguren, die unverwundbar sind, aber mit Oracle gibt es beispielsweise eine Superheldin, die im Rollstuhl sitzt. Superheld*innen verdanken ihre Kräfte oft einem Mangel oder Unfall. Diese scheinbar stereotypen Körper fallen auch aus der gesellschaftlichen Norm.

NS: Das sind Genrefragen. Es gibt einerseits „Fix und Foxi” und die ganzen Superheld*innen, aber in den letzten Jahren hat sich viel geändert. Seit Art Spiegelman mit „Maus“, einem Comic über Überlebende des Holocaust, 1992 den Pulitzer-Preis gewonnen hat, gibt es den Trend zur Graphic Novel. Dadurch haben Comics mit anderer Ästhetik Raum bekommen. Und spätestens seit Liv Strömquist boomt der feministische Comic.

Zeichnen sich gesellschaftliche Trends wie Body Positivity bereits in Comics ab?

NS: Auf jeden Fall, gerade bei jungen, feministischen Zeichner*innen! Es zeichnen sich Themen aus dem Aktivismus ab: Sex- und Body-Positivity, im Grunde sogar Menstruations-Positivity. Wie komme ich als junge Frau zurecht, wenn mein Körper sich verändert? In „Girlsplaining“ von Katja Klengel gibt es ein ganzes Kapitel namens „Der Geist der verrosteten Rasierklinge“, in dem es darum geht, sich nicht zwingend rasieren zu müssen. Es gibt natürlich auch queere oder Aufklärungscomics.

Früher wurden Schwarze Menschen sehr stereotyp aus einer weißen Sicht in Comics dargestellt. Ist das inzwischen anders? 

NS: Man muss hier den Zusammenhang zwischen der frühen, politischen Karikatur und dem heutigen Comic sehen. Zuspitzungen können natürlich auf Stereotype zurückgreifen, leider auch auf rassistische. Sie können aber auch kritisieren und entlarven. Bei der Tagung „Imagining the Black Diaspora“ im Januar haben unsere Kolleg*innen Jasmin Wrobel und Dustin Breitenwischer Schwarze Comickünstler*innen wie den Brasilianer Marcelo D’Salete eingeladen, die historische Darstellungen von Sklaverei thematisieren und diskutiert haben, wie man einen individuellen, wiedererkennbaren, Schwarzen Menschen zeichnet ohne in Rassismus zu verfallen. 

Eignen sich manche Körpertypen besonders gut für bestimmte Charaktere, besonders im Hinblick auf Ihr Projekt?

IKF: Es gibt eine erstaunliche Vielfalt. Oft wird mit Grenzerfahrungen, Abstoßendem und Irritierendem gearbeitet. Im Comic „Monsters“ von Ken Dahl fürchtet die Hauptfigur, Herpes zu haben, betrachtet sich im Spiegel und verwandelt sich dabei in ein Monster. Ein anderes Beispiel ist der Comic „Blad“ von Regina Hofer, der sich mit Essstörungen auseinandersetzt und statt Körpern meist grafische, abstrakte Bilder zeigt. So thematisiert sie ihre Selbstwahrnehmung und äußere Erwartungen. 

Das heißt, die Auswahl von bestimmten Körperbildern erfolgt aus dem Zusammenhang und hat logische, nicht ästhetische Gründe?

NS: Je nach Autor*in, Thema und Publikation gibt es verschiedene Stile. Das kann sehr konkret oder abstrakt sein. Die meisten Künstler*innen fänden vermutlich nichts schlimmer, als in ein Klischee zu bedienen wie Buckel und Warze sind gleich Bösewicht.

IKF: Wir beschäftigen uns ja mit Comics, die ein einmaliges Werk und keine Serie sind. Bei Serien braucht man einen anderen Wiedererkennungswert. Einzelwerke haben oft größere Freiheiten bei der Visualisierung von Körpern.

Der Offene Hörsaal zu Ihrem Forschungsprojekt wurde wegen der Corona-Pandemie vorerst abgesagt. Hat das Virus weitere Auswirkungen auf Ihr Projekt?

IKF: Die Ringvorlesung wird hoffentlich nächstes Semester stattfinden. Wir wünschen uns, dass sie von Studierenden in ganz Berlin wahrgenommen wird, zur Not digital. Die Vortragenden wollen alle dabei bleiben. Ende Juni veranstalten wir einen internationalen Workshop, „Corpo Realities“, zu Zeit- und Körpererfahrungen im Comic. Der findet auf Webex statt und danach können wir hoffentlich abschätzen, ob so ein Format sich trägt.


Ausgefallener Offener Hörsaal: https://www.fu-berlin.de/sites/offenerhoersaal/sose-20-comic-kunst-koerper/index.html

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