Mythos Kraftwerk – Wiege der elektronischen Musik?

Mit dem Tod von Kraftwerk-Mitglied Florian Schneider-Esleben ist ein Wegbereiter der elektronischen Musik von uns gegangen. Doch wie einflussreich war die deutsche Elektropop-Band wirklich? Ein Rückblick von Katharina Liedtke.

Die Alben der Band sind noch heute in den Schallplattengeschäften zu finden. Von links nach rechts: Computerwelt (1981), Die Mensch-Maschine (1978), Autobahn (1974). Fotos: Katharina Liedtke, Montage: Elias Fischer.

Die Musikwelt nimmt Abschied von einem Pionier der elektronischen Musikgeschichte – Florian Schneider-Esleben ist tot. Das Gründungsmitglied der legendären Band Kraftwerk, verstarb Anfang Mai im Alter von 73 Jahren. Kraftwerk: Es gibt wohl kaum eine andere deutsche Band, die mit ihrem innovativen Sound und ihrem Mensch-Maschine-Image die Musikgeschichte derart geprägt haben. Das zumindest sagen die einen wie der bekannte DJ Sven Väth. Der schrieb auf Instagram: ,,Without the sound of Kraftwerk, the techno scene would not be what it is!‘‘ Der Musikwissenschaftler, Soziologe und Philosoph der UdK und FU Kim Feser sieht Kraftwerk in einem etwas anderen Licht. Sie seien in der elektronischen Musik sehr einflussreich, „jedoch nicht die einzigen Vorreiter gewesen – etwa für das Genre Techno“. Was also steckt hinter dem Mythos Kraftwerk?

Die Anfänge Kraftwerks, damals noch unter dem Namen Organisation bekannt, liegen im improvisationsgeprägten „Krautrock“. Zwei Jahre später allerdings wichen die Klänge der eher experimentell klingenden Rockmusik einem klareren elektronisch geprägten Sound. 1970 schließlich gründeten die beiden Studenten Ralf Hütter und Florian Schneider-Esleben das berühmte Kling-Klang Studio und starteten das Musikprojekt Kraftwerk. Noch ahnte damals niemand, was dies für den weiteren Verlauf der Musikgeschichte zu bedeuten hatte. 

Ästhetik verleiht Monotonie Kraft

Anfangs vom Publikum ausgebuht, gelang Kraftwerk 1974 mit dem Album „Autobahn“ der nationale und internationale Durchbruch. Sie überzeugten mit neuartigen Drumloops und mit Synthesizern produzierten Rhythmen. „Die Kombination aus monotonem, eher ausdruckslos wirkendem Gesang und den sich immer wiederholenden Loop-Elementen werden getragen durch die ästhetische Konzeptkunst Kraftwerks“, sagt Feser. Die Ästhetik beruhte vor allem auf den Farben Schwarz und Rot. Provokativ arbeitete Kraftwerk mit der Ambivalenz der beiden Farben, welche zuvor eher im kommunistischen und faschistischen Kontext eingeordnet wurden, ohne dabei in Verruf zu geraten, selbst einer dieser Bewegungen anzugehören. Kraftwerk inszenierte sich vor allem als Kunstobjekt, indem sie Mensch und Maschine miteinander in Beziehung setzten: Die Illusion des Mensch-Maschinen-Mythos war geboren. 

Menschliche Maschinen: Kraftwerk-Künstler inszenieren sich als Roboter.

Mehr als vier Jahrzehnte sind seitdem vergangen und die elektronische Musik, die in den 80ern noch als „Rebellionsversuch“ galt, ist ebenso fester Bestandteil der Gesellschaft wie der Hip-Hop oder die Rockmusik geworden. Dass das so ist, zeigte sich spätestens mit der Berliner „Loveparade“, die im Jahr 1999 mit 1,5 Millionen Besucher*innen ihren Zenit erreichte. Insbesondere das EDM-Genre hat sich im Mainstream durchgesetzt – Star-DJs wie Calvin Harris, David Guetta und Co. werden im Radio nahezu in Dauerschleife gespielt.

Doch ist diese Entwicklung wirklich vorrangig Kraftwerk zuzuschreiben? Ist Kraftwerk der Inbegriff der elektronischen Musik und vor allem des Genres Techno? „Der Einfluss Kraftwerks auf die elektronische Musik ist unbestreitbar“, sagt Feser. Allerdings müsse man sich die Frage stellen, weshalb sich diese Perspektive auch auf die Geschichte des Techno durchgesetzt habe. Feser sieht die Ursachen einerseits in der Bedeutungszuschreibung Kraftwerks, die sie als erste international erfolgreiche deutsche Band erzielte, andererseits im Diskurs im angelsächsischen Raum zwischen musikjournalistischer und eigener Selbstdarstellung.

Die beliebtesten Tracks von Kraftwerk auf Spotify.

Wer die*der Vorreiter*in des Techno ist, sei bis heute offen und umstritten, erklärt Feser. So nutzten bereits Donna Summer 1977 oder Anfang der 80er Afrika Bambaataa typische Synthesizerelemente. Unter anderem bot die Kombination aus den beiden Kraftwerk Tracks ,,Trans Europa Express‘‘ und ,,Numbers‘‘ die Melodie- und Sample-Basis für Bambaataas ,,Planet Rock‘‘. Allerdings, sagt Feser, lenke die Frage davon ab, „dass Techno Mitte/Ende der 1980er Jahre an verschiedenen Orten nicht nur nahezu gleichzeitig aufkam, sondern dabei auch an bereits existierende transnationale musikalische Phänomene anschloss.“

„Ein klassisches Pop-Phänomen“ sei eben auch Kraftwerk, sagt Feser. Die Band inspirierte und inspiriert immer noch zahlreiche Künstler*innen wie David Bowie oder Joy Division, trug nachhaltig zur Weiterentwicklung der elektronischen Musikszene bei. ,,Die elektronische Musik  ist – wie keine andere –­­ so universell und einfach konsumierbar“, erklärt Feser. Zudem biete die Szene einen einfachen Zugang, selbst ein Teil dieser zu werden – anders als bei anderen Musikgenres.

Impulsgeber Kraftwerk

Der Online-Markt erweist sich jedoch nicht nur als vorteilhaft. Die damaligen Plattenverkäufe, mit denen auch Kraftwerk am meisten Geld verdiente, sind Streamingdiensten wie Spotify, Youtube Music und Amazon Music gewichen. Es ist daher heute umso wichtiger, auf Erlebnisse in Form von Konzerten, Festivals, Open Airs oder Clubveranstaltungen zu setzen. ,,Es ist ein Spagat zwischen der allgegenwärtigen Online-Verfügbarkeit und dem lokalen Ereignis – dort wo die Musik kollektiv gelebt wird‘‘, sagt Feser.

Die elektronische Musikszene ist eine der vielfältigsten Musikszenen überhaupt. Kraftwerk hat dieser, ob gewollt oder nicht, wichtige Impulse mit auf den Weg gegeben und ihr zusätzliches Leben eingehaucht. Es gibt natürlich kritische Gegenstimmen wie die Fesers, die die Rechtfertigung des Mythos Kraftwerk anzweifeln. Der Mensch-Maschine-Mythos beispielsweise sei viel älter, sagt Feser. „Dies alles Kraftwerk zuzuschreiben ist vielmehr eine Verdopplung des Mythos.“. Dennoch kokettierte Kraftwerk wie kaum ein*e andere*r mit der Ästhetik der Kybernetik, also der Synthese von Natur und Maschine. Ihr Verständnis für Musik und ihre Konzeptkunst wird von vielen bis heute als einzigartig anerkannt und oftmals beinahe heroisiert. Es gibt wohl Grund zur Annahme, dass der Mythos Kraftwerk – egal, wie begründet – noch lange weiterleben wird. 

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