Nach Brexit nun Erasmexit?

Großbritannien wird aus dem Erasmus-Programm aussteigen. Bedeutet dies das Aus für den Studierendenaustausch? Clara Baldus hat sich bei der Erasmuskoordinatorin der FU erkundigt und mit Studierenden vor Ort gesprochen.

Nur noch für kurze Zeit verfügbar – Erasmus in England. Bild: Simon Geiger

„London hat mich schon immer fasziniert als große, multikulturelle Stadt, in der man in jeder Hinsicht etwas erleben kann.” Mina macht ihr Erasmus an der Queen Mary University. Sie ist vorerst eine der letzten FU-Studierenden, die diese Möglichkeit bekommen. Mit Beginn des neuen Jahres trat der langwierig ausgehandelte Brexit in Kraft. Erst Ende Dezember 2020 konnten sich der britische Premier und die EU auf ein Abkommen einigen. Dabei wurde auch bekannt: der Inselstaat steigt aus dem Erasmus-Programm aus. Boris Johnson findet es zu teuer. Die eigenen Studierenden möchte er künftig mit dem neuen Turing-Programm nicht mehr nur nach Europa, sondern in die ganze Welt schicken.

Auch Ben war bis März in England an der University of Birmingham. „Als Normalverdienende*r kommt man an die dortigen Unis nicht so einfach ran.” Das Erasmus-Programm sei eine gute Möglichkeit gewesen, da die hohen Studiengebühren übernommen werden. Für aus dem Ausland Kommende werden nach dem Brexit wohl keine Mittel zur Verfügung gestellt und die dortigen Studiengebühren sind nichts für den schmalen Geldbeutel. An Bens Gastuniversität rangieren die Kosten für internationale Studierende zwischen ca. 23.000 und 46.000 Euro im Jahr.

Ein beliebtes Ziel bei FU-Studierenden

Großbritannien war bei FU-Studierenden stets ein beliebtes Ziel. Neben Frankreich und Spanien ist es die drittmeist gewählte Destination. Viele Studierende überzeugt das inhaltliche Angebot der renommierten britischen Universitätslandschaft. So auch Mina: „An der Queen Mary University interessieren mich besonders Postkolonialismus und Regionalstudien. Von der unterschiedlichen Zusammensetzung der Dozierenden und der Positionierung Großbritanniens in der Welt als Einwanderungsgesellschaft profitiere ich sehr.” Nach der Erfahrung eines unpersönlichen Onlinesemesters an der FU wurde Mina von einer ernstgemeinten Herzlichkeit und Verbundenheit zu den Dozierenden ihrer Gastuniversität positiv überrascht. Statt betretenes Schweigen während des tristen Blickens auf graue Kacheln auszuhalten, erkundigen diese sich regelmäßig nach dem Wohlergehen ihrer Studierenden.

„Ich habe mein Auslandssemester extra vorgezogen, da ich unbedingt nach England wollte und Angst hatte, dass es nach dem Brexit nicht mehr möglich sein würde“, berichtet Ben. Noch bietet die FU pro Jahr insgesamt 162 Austauschplätze an 30 verschiedenen Universitäten des Vereinigten Königreichs an. Was passiert nun mit all den Plätzen? Besteht künftig keine Möglichkeit mehr für ein bezahlbares Auslandssemester?

Der Austausch wird nicht abreißen

„Es wird weiterhin Plätze geben.” Gesa Heym, Erasmus+-Hochschulkoordinatorin der FU, gibt Entwarnung. Im akademischen Jahr 2021/22 findet der Austausch mit Großbritannien ein letztes Mal regulär über das Erasmus-Programm statt, da der aktuelle Vertrag noch weiterläuft. Studierende, die länger als sechs Monate bleiben wollen, müssen allerdings ein Visum beantragen. Hierfür fallen zusätzliche Kosten an.

Für die Zeit danach müsse eine neue Lösung gefunden werden, doch Heym schließt einen Abriss der Studierendenmobilität aus. Ziel sei, bis November mit den britischen Universitäten bilaterale Partnerschaftsabkommen zu vereinbaren. Dieses Verfahren betrifft normalerweise Einzelfälle, nun jedoch muss mit 30 Universitäten einzeln verhandelt werden. „Ich fürchte, dass es kein einheitliches britisches Vorgehen geben wird”, so Heym. Dennoch sind sie und ihr Team optimistisch gestimmt. Die bislang angebotenen 162 Plätze werden wohl allerdings nicht mehr zustande kommen, zu erwarten seien zwei bis drei Plätze pro Partneruni.

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