Organisch, Bunt, Punkt Punkt Punkt: Yayoi Kusama in Berlin

Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama verdreht mit unterschiedlichen Medien visuell die Sinneswahrnehmung. Wie sie dabei kontroverse Themen anspricht, hat sich Lisa Damm in der Ausstellung Retrospektive im Gropius-Bau Berlin angeschaut. 

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Fast wie im Techno-Club: Der Infinity Mirror Room der Ausstellung Retrospektive in Berlin. Bildmontage/Foto: Lisa Damm, Illustration: Joshua Liebig

‘Ein Penis mit Masern?’, war der erste Gedanke, der mir in den Kopf geschossen ist, als ich die vielen mit roten Punkten bemalten Phalli in dem Infinity Mirror Room Phalli’s Field gesehen habe. Nein, keine Masern. Diese Bezeichnung würde Kusamas Kunst auch nicht gerecht werden. Phalli’s Field ist neben weiteren Raum-Installationen, Gemälden und Skulpturen derzeit in der Ausstellung Retrospektive im Gropius-Bau Berlin zu sehen. 

Die dominanten phallischen Formen, die beispielsweise grotesk aus einem von Kusama designten T-Shirt herausquellen, wie Gedärme aus einem überfahrenen Tier, tauchen ebenso wie die Polka Dots immer wieder akkumulativ auf. Kusama setzt sich in ihrem künstlerischen Schaffen nämlich nicht nur mit der Wahrnehmung ihrer lebenslang andauernden Halluzinationen, sondern auch mit ihrer „Obsession mit Sex” auseinander. Für sie dient die Kunst als eine Form der Verarbeitung und ist zusätzlich ein kritischer Fingerzeig auf die Zustände des menschlichen Zusammenlebens. 

Yayoi Kusama, 1929 im japanischen Matsumoto geboren, reiste Ende der 50er-Jahre nach New York aus und leistete dort mit ihrer Kunst einen bedeutsamen Beitrag zur Pop-Art Bewegung. Noch heute gilt sie als eine der größten Künstlerinnen unserer Zeit.

Vervielfacht bis ins Unendliche 

Kusama erreichte unter anderem internationale Bekanntheit durch ihre Infinity Mirror Rooms, von denen zwei für die Ausstellung im Gropius Bau aufgebaut wurden. Durch die Spiegelungen und die Installationen wird der Eindruck von Unendlichkeit erzeugt. Als betrachtende Person scheint der eigene Körper in dieser grenzenlosen Weite des Raumes zu zerfließen, man sieht sich endlos vervielfacht und weiß kaum noch die Installationen von den Spiegelungen zu unterscheiden. Besonders der zweite Raum erzeugt durch die in der Dunkelheit herausstechenden Neonkugel eine solche Wirkung. Die Grenzen zwischen Materie und Spiegelung verschwimmen zu einer einzigen Illusion und erweitern die Raumwahrnehmung dermaßen, dass der Anblick des weißen Kastens von außen betrachtet erstaunlich klein wirkt im Vergleich zu der scheinbaren Endlosigkeit im Inneren. Kusama beschäftigte sich zu Beginn ihrer künstlerischen Karriere mit dem Universum und seinen Himmelskörpern, was sich in ihrer Faszination für das Auflösen der Grenzen und die unendliche Weite bis heute widerspiegelt.

In den Spiegelungen erscheint dasselbe Bild wieder und wieder, während man weiter hineinzoomt. Die sogenannten Polka Dots und auch die Kugeln des zweiten Infinity Mirror Rooms verstärken die Illusion von Unendlichkeit, da sie als immer wiederkehrendes Muster kaum unterscheidbar und schwer zu fassen sind. Für Kusama sind die vielen kleinen Punkte ein Zeichen der Selbstauflösung. Dabei sieht sie sich selbst als einen solchen Punkt unter vielen anderen Punkten im Universum. 

Auflösung des Körpers 

Kusamas Werke erlauben, einen Blick in die Wahrnehmungswelt der Künstlerin zu werfen und sich an ihren Halluzinationen und den damit verbundenen Emotionen zu berauschen. Teilweise bunt und fröhlich, dann wieder grotesk und etwas unheimlich wirken die vielfältigen Kunstwerke. Stets präsent bleibt das Thema der Auflösung von Grenzen, ob in der Raum- oder der Körperwahrnehmung. Als eine der bekanntesten Künstlerinnen scheint Kusama erstaunlich nahe an den Menschen zu sein, die ihre Kunst betrachten. Als junge Erwachsene bemalte Kusama in den 50er-/60er-Jahren auf Partys oder Demos die Körper der Menschen mit Punkten, die dann zwischen ebenfalls mit Punkten bemalten Schaufensterpuppen tanzten. Durch dieses wiederkehrende Muster der Polka Dots scheinen die Körper in ihren Konturen undeutlicher. Körper und Umgebung gehen ineinander über, das Selbst soll verschmelzen in der Gesamtheit.  

Retrospektive ist eine Ausstellung, die sich nachhaltig in das Gedächtnis einprägt. Extrem, visuell faszinierend, bunt und in der Message kritisch mit den kontroversen Themen des jeweiligen Zeitgeistes. Je weiter ich in der Ausstellung voranschreite, desto tiefer wird mein Verständnis für die Verschränkungen von Kusamas Lebenserfahrungen, die sich in ihrer Kunst widerspiegeln, und desto mehr steigt mein Interesse an ihr und ihrer Kunst. So entsteht ein komplexes und buntes Gesamtbild – entsprechend ihren einzelnen Werken. Die Ausstellung war eine insgesamt höchst wertvolle und bewegende Erfahrung für mich. 


Die Kunstausstellung Yayoi Kusama: Eine Retrospektive – A Bouquet of Love I Saw in the Universe ist noch bis zum 15. August 2021 im Gropius Bau zu sehen.

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