„Wir brauchen mehr als Repräsentation!“

Am 20. November war der Internationale Transgender Day of Remembrance. Das queere Literaturmagazin Transcodiert hat sich diesen Tag bewusst für den Launch ausgesucht. Charlotte Schilling und Lara Shaker im Gespräch mit Herausgeber Biba Nass.

Herausgeber Biba Nass bei der Lesung der ersten Ausgabe von Transcodiert. Foto: Thilo Nass

Es ist laut im Karanfil, der Neuköllner Bar, in der die Afterparty der ersten Lesung des neuen Literaturmagazins Transcodiert stattfindet. Gründer Biba Nass (they/them, er/ihm) wirkt trotz der letzten anstrengenden Wochen vor dem Release zufrieden. Es ist geschafft: Alle halten das Heft in den Händen und unterhalten sich angeregt über den heutigen Tag. Der 20. November markiert den International Transgender Day of Remembrance, an dem der Betroffenen transfeindlicher Gewalt sowie der frühen Transgenderbewegung gedacht wird.

FURIOS: Was bedeutet dir dieser Tag heute als Herausgeber?

Biba Nass: Es fühlt sich sehr gut an, den Tag heute mit anderen trans Personen zu verbringen und der Last, die dieser Tag auch innehält, nicht allein ausgesetzt zu sein. Wir haben heute eine Liste aufgehängt mit allen Menschen, die dieses Jahr von transfeindlicher Gewalt betroffen waren. Es war schmerzhaft, das so zu sehen. Es ist schön, es nicht bei dieser Liste belassen zu müssen, sondern den Tag gleichzeitig so widerständig und kraftvoll zu gestalten. Die vortragenden Personen hatten so viel power und man konnte beides gleichzeitig fühlen: Trauer und Freude.

Transcodiert ist ein Literaturmagazin mit queeren Künstler*innen. In der Literaturwissenschaft gibt es zumeist einen festen Kanon, der sehr weiß, cis-männlich und heteronormativ ist. Hast du das Magazin aus einem Mangel an Repräsentation in der Literatur gegründet?

Ja, das sehe ich wie ihr. Genau daraus ist es entstanden. Aus einer Frustration und dem Wissen heraus, dass es eigentlich diversere Literatur gibt, und dem Wunsch danach, dass diese mehr gehört und wertgeschätzt wird. Und auch, um zu zeigen, dass queere Menschen schreiben können – gut schreiben können.

Und das ist das Ziel von Transcodiert?

Ja, diesen Menschen einen Raum zu geben, fernab von Identitätsliteratur. Das Geschriebene sollte als gleichgestellt gesehen werden, nicht als irgendeine Nischenliteratur! Ich wünsche mir, dass queere Schriftsteller*innen ernst genommen und anerkannt werden. Deshalb haben wir uns auch besonders Mühe gegeben, das Magazin so professionell wie möglich zu gestalten, um die Einsendungen ernst zu nehmen und zu respektieren. Das primäre Ziel war und ist es aber, einen Ort des Ausdrucks zu erschaffen. Einen Ort von und für die Community. Transcodiert ist für die Queers.

Was tust du, um das zu erreichen?

Uns war als Redaktion wichtig, verantwortungsvoll mit den Texten umzugehen – ohne zu lektorieren und fremdzubestimmen. Wir wollen den Künstler*innen zeigen, dass dies ihr Raum ist, in dem sie sich ausdrücken können, ohne zensiert und eingeschränkt zu werden. Sie sollen und dürfen ihre Geschichten erzählen, wie sie es wollen. Nicht so, wie sie gehört werden wollen. Das alles habe ich nicht allein gemacht, sondern mit einer wunderbaren Redaktion: Charlotte Milsch, Elnaz Farahbakhsh, Lorena Boße und Yeliz Özmen.

Du willst queere Literatur sichtbar machen. Ist Transcodiert ein Projekt für die Community oder wie sieht eure Zielgruppe aus?

Primär ist das Heft für queere Menschen, für BIPoCs, für alle, die sich in den Texten wiedererkennen und daraus Kraft schöpfen. Ich wünsche mir aber trotzdem, dass es eine große Reichweite bekommt und auch Menschen anderer Lebensrealitäten etwas daraus mitnehmen.

Heute ist ein Tag des Gedenkens für die trans Community. Woran möchtest du am meisten erinnern?

Ich finde es wichtig, an die Geschichte der trans Bewegung zu erinnern und zu betonen, dass es nicht alle gleich trifft. Es sind vor allem BIPoCs, Sexarbeiter*innen und trans Frauen. Projekte wie Transcodiert reichen nicht aus; wir brauchen mehr als Repräsentation – aber es hilft immer zu wissen, dass wir nicht allein sind. Gerade in Zeiten der Pandemie ist das wichtig.

Erinnern heißt sichtbar machen
Es gibt noch immer wenig Sichtbarkeit von queeren Lebensrealitäten in Film, Fernsehen und Literatur. Hier daher eine kleine Liste mit Empfehlungen.

Bücher: Transgender History (Susan Stryker); Giovanni’s Room (James Baldwin); The Henna Wars (Adiba Jaigirdar); Literarische Diverse (Magazin)

Filme: The Rocky Horror Picture Show; Elisa y Marcela; The Half of it; DisclosureMasked (YouTube-Verlinkung)

Serien: Pose; Sex Education; Big Mouth; RuPaul’s Drag Race; American Horror Story Asylum


Das Transcodiert-Magazin lässt sich hier bestellen oder in der She-said-Buchhandlung kaufen. Biba Nass sowie das Magazin findet ihr unter @transcodiert und @biba_nass.

Autor*innen

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.