Sichtbarkeit ist alles

Er sei hässlich, unnatürlich beim Sprechen, grammatisch inkorrekt, so die gängigen Meinungen zum Genderstern. Wie der Ratgeber Genderleicht in der Debatte aufräumt und den Stern zum Strahlen bringt. Von Lucie Schrage

Kein Bücherwälzen mehr, weil man hier alle Antworten zum Gendern findet? Foto: Lucie Schrage Illustration: Joshua Leibig

Gästin, Drachin, Bösewichtin: Klingt irgendwie falsch und ist zu viel des Guten? Dabei sind diese Begriffe bereits im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm nachgewiesen worden, sie wurden bloß vergessen. Weibliche Formen zu gebrauchen ist ebenso umstritten wie der Genderstern, der durch seine Strahlen geschlechtliche Vielfalt präsentieren soll. Dieser ‚Gender-Gaga‘ treibt den Puls der Deutschen, vor allem der sprachlich konservativen, in die Höhe. Dass Geschlechtergerechtigkeit nicht allein durch einen Stern erreicht werden kann, zeigt jedoch der folgende Fall: Zwei Publizistikstudentinnen gingen 1986 vor Gericht, um den Titel Magistra Artium anstelle von Magister Artium zu erstreiten. Die Freie Universität Berlin änderte daraufhin ihre Magisterordnung, viele Universitäten folgten. 

Dieses Beispiel findet sich im Buch Genderleicht: Wie Sprache für alle elegant gelingt, das als Hilfestellung für alle Fragen rund ums Gendern konzipiert wurde. Autorin Christine Olderdissen versteht ihr Werk als „Einladung zum Schmökern“, da es einen Einstieg ins Thema bietet und auf einfache und lockere Art über 200 Seiten die Hintergründe von diesem ‚Gender-Unfug‘, wie er oft und gern betitelt wird, aufklärt. Die Fernsehautorin leitete das Projekt Genderleicht.de des Journalistinnenbundes e. V. Der Launch der Website setzte 2019 Impulse und Hilfestellungen wie Schreibtipps für Journalisten*innen und wissenschaftliche Quellen zur geschlechtergerechten Sprache. Dies bewirkte schon im folgenden Jahr bei etlichen Medienprodukten eine bedeutsame Hinwendung zu mehr Geschlechtergerechtigkeit.

Neben der Einführung in geschlechtergerechte Sprache und ihre Hintergründe finden sich auch Kapitel, die ganz konkrete Grammatikfragen behandeln, ausgestattet mit grünen Merkkästen und vielen Beispielen wie in einem Schullehrbuch – eines der Spezialgebiete des Dudenverlags. Langweilig wird dieser Unterricht über die verschiedenen Möglichkeiten des Genderns jedoch nicht, da die Autorin auch schlechte Beispiele gern mal mit „Humbug“ oder „keinen Deut besser“ bewertet. Visuelle Lerntypen können sich erfreuen, da die wichtigsten Aussagen in den jeweiligen Kapiteln grün markiert sind. Für die Überprüfung des Lernfortschritts sorgt ein Quiz am Ende des Buchs. 

Der Duden lässt sich nicht unterkriegen

Ausgerechnet der Dudenverlag gibt dieses Werk nun heraus, obwohl die Kontroverse nach der Abschaffung des generischen Maskulinums im Online-Duden letztes Jahr groß war. „Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass das generische Maskulinum nicht nur Frauen unsichtbar macht“, erklärt Olderdissen im Buch. Sie verweist auf Studien der Psycholinguistik, beispielsweise von Bettina Hannover und Dries Vervecken, die zeigten, dass auch Kinder die Auswirkungen wahrnehmen. Eine Beidnennung in Berufsbezeichnungen führe dazu, dass sich Mädchen typisch männlich konnotierte Berufe eher zutrauten, während dies beim generischen Maskulinum nicht der Fall sei. 

Mit Genderleicht hat der Dudenverlag nun nicht seine sprachliche Autorität missbraucht, wie es ihm vor allem im letzten Jahr vorgeworfen wurde, sondern ein Werk herausgebracht, das nötig ist. Auch die Autorin ermutigt, diesem Sprachwandel positiv gegenüberzustehen, der bereits von jungen Menschen als selbstverständlich akzeptiert wird. Dieses „sprachliche Outing“ trage eine gesellschaftspolitische Bedeutung. Trans-, intergeschlechtliche und nicht binäre Personen verdienen Respekt. Der Genderstern ist dabei nur eine Variante von vielen. Das Buch eignet sich für alle. Auch für diejenigen, die sich schon sicher beim Gendern fühlen, da es ein Bewusstsein schafft und an die Dringlichkeit von Repräsentation erinnert. Für Olderdissen ist ganz klar: „Sichtbarkeit ist alles.“


Der Ratgeber Genderleicht erschien am 17. Januar 2022 im Dudenverlag und kann hier erworben werden.

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