Kulturreif Spezial: Der Internationale Literaturpreis 2022

Heute Abend wird der Literaturpreis des Haus der Kulturen der Welt verliehen. Greta Linde hat die Shortlist gelesen und wurde von Verlangen, Fluchterfahrungen, finnischen Flüchen und schweren Themen in schöner Sprache in den Bann gezogen.

Illustration: Greta Linde

Bereits zum vierzehnten Mal verleiht das Haus der Kulturen der Welt (HKW) heute den Internationalen Literaturpreis für übersetzte Gegenwartsliteratur. Einzigartig an dem Preis ist, dass das HKW und die Stiftung Elementarteilchen nicht nur das Originalwerk ehren, sondern auch die deutsche Erstübersetzung. Dotiert ist der Preis mit 20.000 Euro für den*die Schriftsteller*in und 15.000 Euro für den*die Übersetzer*in. Auf der Shortlist stehen sechs Bücher, die „einen kritischen und einfühlenden Blick auf das Jetzt werfen”, so das HKW.

Can Xue: Liebe im neuen Jahrtausend. Aus dem Chinesischen von Karin Betz

Liest man Can Xues international gefeierten Roman mit dem Wissen, dass die Autorin angeblich eine Stunde täglich ohne Vorbereitung oder anschließendes Redigat schreibt, ergibt ihr Text deutlich mehr Sinn. Denn Liebe im neuen Jahrtausend hat weder eine Hauptfigur noch lassen sich Handlungsort und -zeit genauer bestimmen. Zudem bewegen sich Xues Protagonist*innen stets zwischen Realität und Wahn.

Aber von vorn: Es geht um Begehren, Affären und Prostitution, verhandelt an einer Handvoll Figuren, die alle miteinander verbunden sind. Die junge Witwe Cuilan führt eine Affäre mit Wei Bo, einem Arbeiter mit allerhand zwielichtigen Geschäften und zahlreichen Frauen, die ihm zu Füßen liegen. Eine davon ist Ah Si, die als Prostituierte in dem Wellnesshotel arbeitet, in dem die Figuren regelmäßig ein und aus gehen. Dort arbeitet auch ihre Freundin Long Sixiang, die sich in ihrem Alltag aus Sex, Tratsch und Thermalbädern zwar wohlfühlt, aber den Tod ihres Neugeborenen zu verarbeiten hat. Und dann wären da noch Wei Bos Frau, ein Polizist, ein Antiquitätenhändler und ein Doktor, die den anderen Figuren mal prominent, mal zufällig begegnen.

Sprache und Handlung könnten nicht weiter voneinander entfernt sein

Noch schwieriger als die Frage der Hauptfigur ist die der Handlung zu beantworten, beleuchtet jedes Kapitel eine der Figuren genauer ohne dabei jedoch eine Storyline voranzubringen. Langweilig sind diese knapp 400 Seiten aber keineswegs, vielmehr lesen sie sich wie ein verstörender Rausch. Das liegt vor allem an Can Xues Spiel mit Zeit: Erzählzeit und erzählte Zeit sind unklar, manche Szenen werden aus mehreren Perspektiven beleuchtet. Zudem springt Xue immer wieder von der Gegenwart in die Vergangenheit.

Vor allem sorgt die Diskrepanz zwischen Sprache und Handlung dafür, dass der Roman seine Leser*innen in ein Delirium befördert. Selbst Grausames wird nüchtern geschildert („Einmal wurde Ah Si von einem Mafiatypen misshandelt, der ihr Gesicht grün und blau schlug”). Bei liebevollen Vorgängen („Die Witwe Niu Ciulan stand noch vor Tagesanbruch auf, um sich zu waschen und zurechtzumachen, denn sie erwartete an diesem Tag Besuch von ihrem Liebhaber Wei Bo”) oder ekstatischen Handlungen („Sein Sexhunger schien unstillbar, er stand auf eine einfache Nummer genauso wie auf alle anderen Varianten”) ist die Sprache distanziert. Dieser Roman wird sicherlich nicht allen Leser*innen gefallen, aber allen in Erinnerung bleiben, denn die Kombination aus Verlangen und Banalitäten ist einmalig.

Liebe im neuen Jahrtausend ist im Oktober 2021 Mai bei Matthes & Seitz Berlin erschienen und kostet 26 Euro. Zum Interview von FURIOS mit der Übersetzerin Karin Betz kommt ihr hier.


Aleksandar Hemon: Meine Eltern / Alles nicht dein Eigen. Aus dem Amerikanischen Englisch von Henning Ahrens

„Geschichte”, so Aleksandar Hemon, „funktioniert willkürlich und unumkehrbar.” Auf gut 400 autobiografischen Seiten erzählt er die seiner Familie: Er schreibt von seinen Eltern, die im sozialistischen Jugoslawien der Nachkriegszeit zu Bildungsaufsteigern und Teil einer neuen Mittelschicht werden, um schließlich im Balkankrieg den letzten Zug aus Bosnien zu erwischen und nach Kanada zu flüchten.

Poesie ohne Kitsch

Wortgewaltig, aber nicht verklärt erzählt Hemon von der komplexen Geschichte Osteuropas, von Flucht und Heimat: „Wenn ich über meine Eltern schreibe, muss ich zwangsläufig darauf hinweisen, dass ihre Vertreibung, diese entscheidende Zäsur in ihrem Leben, alles in ein Vorher und ein Nachher unterteilt.” Unter anderem anhand von Speisen, Sprichwörtern und Bienenvölkern macht er deutlich, was für vermeintliche Kleinigkeiten einen Draht zwischen einem unerreichbaren Vorher und dem Nachher spannen. Obwohl diese Schilderungen sehr privat sind und der Autor durch den Gebrauch von „Mama” und „Tata” eine zusätzliche Intimität herstellt, sind sie allgemeingültig für eine Vielzahl an Fluchterfahrungen: „Die Idee der Heimat funktioniert nicht ohne Nostalgie, ohne ihre Verklärung zu einem versunkenen Paradies.”

Nach der Hälfte des Buches muss man dieses dann um 180 Grad wenden und von hinten weiterlesen. Im zweiten Teil Alles nicht dein Eigen stellt Hemon seine eigenen Erfahrungen und Erinnerungen in den Mittelpunkt. In teils sehr kurzen Anekdoten berichtet er von seiner Kindheit auf dem Balkan und wie er fast in einer Pfütze ertrunken wäre, schwelgt in Erinnerungen an Winterurlaube in Bosnien und sinniert über seine ersten selbst geschriebenen Songtexte. Das ist zwar weniger bewegend, aber bildhaft geschrieben. Vor allem wegen seiner bunten Sprache und politischen Relevanz dürfte dieses Buch ein heißer Anwärter auf den Preis sein.

Meine Eltern / Alles nicht dein Eigen ist im August 2021 bei Ullstein erschienen und kostet 24 Euro.


Juhani Karila: Der Fluch des Hechts. Aus dem Finnischen von Maximilian Murmann

Zugegebenermaßen klingt die Handlung dieses Debüts wie die eines Kindermärchens statt eines ernst zu nehmenden Erwachsenenromans: In ihrer alten Heimat Lappland muss Elina wie jeden Sommer binnen drei Tagen einen verfluchten Hecht fangen, doch dieses Jahr läuft alles entgegen ihrem Plan. Der Hecht will nicht anbeißen, ein mystischer Wassermann erscheint aus den Tiefen des Tümpels und zu allem Überfluss ist die Kommissarin Janatuinen wegen Mordverdachts hinter Elina her.

Eine Sage mit Krimi-Elementen und Lonely-Planet-Faktor

Dass dieser Roman keineswegs ins Lächerliche abdriftet, liegt vor allem an Juhani Karilas Ernsthaftigkeit und seiner malerischen Sprache. Er berichtet auf 300 Seiten liebevoll und auf den Punkt genau von den Eigenheiten der ruppigen Lappländer*innen, die so gar nicht von jeglicher Magie überrascht zu sein scheinen, sondern lieber ihrem öden Alltag nachgehen. Die detaillierten Beschreibungen von Seen, Fischen und Insekten sind so bildhaft, dass man sich geradezu nach Nordfinnland wünscht. Selbst das Wetter schmückt Karila mit wortgewaltigen Vergleichen aus: „Es begann zu regnen. Das Wasser fiel schwer nach unten, und der Wind zwang es in die Horizontale und ließ die Tropfen wie Patronen gegen Dach, Wände und Fenster fliegen.”

Dieser Roman, der sich im Laufe der Handlung und auf verschiedenen Zeitebenen immer stärker zu einer launigen Mischung aus volkstümlicher Sage, skandinavischem Krimi und Liebeserklärung an die Natur mit Lonely-Planet-Note entwickelt, ist so skurril und originell, dass er für frischen Wind auf dieser Shortlist sorgt.

Der Fluch des Hechts ist im März 2022 im homunculus verlag erschienen und kostet 24 Euro.


Cristina Morales: Leichte Sprache. Aus dem Spanischen von Friederike von Criegern

So leicht, wie der Titel erahnen lässt, ist die Kost dieses Romans nicht, denn es geht um vier Frauen mit geistiger Behinderung, die sich gegen ihre Bevormundung auflehnen. Nati, Marga, Àngels und Patri leben in Barcelona in einer betreuten Wohngruppe und verbringen ihre Zeit mit Tanz, Sex und Hausbesetzungen. In Rückblenden und aus den insgesamt vier Perspektiven der Frauen erfährt man von deren Vergangenheit als Waisen, der Kindheit in ländlichen Gegenden oder den schrecklichen Erfahrungen in Heimen samt Spritzen und Tabletten.

Ein Roman im Roman

Besonders aufsehenerregend ist Natis Geschichte. Sie bezeichnet ihre Behinderung als Schiebetüren-Syndrom und wird ausfallend, sobald sie unter Druck steht. Diese Beleidigungen werden im Text nicht ausgespart, Machos bezeichnet sie gern als Faschos, Bürgerlichkeit, Kapitalismus und Liberalismus lehnt sie ab und auch ihre teils ausschweifenden Gedankengänge werden ganz direkt und unzensiert mitgeteilt: „Bist du zehn Minuten lang in dieser Position, dann wird deine Möse zehn Minuten lang gestreichelt.”

Zusätzlich zu den verschiedenen Perspektiven, die uns auf gut 400 Seiten Einblicke in das Seelenleben gewähren, sind Protokolle der Hausbesetzungsgruppe und des Gerichts in die Erzählungen eingewebt. Das Highlight stellen jedoch die Memoiren dar, die Àngels auf WhatsApp verfasst. Rührend und schonungslos – in leichter Sprache eben – berichtet sie von ihrer Behinderung. Trotz der vielen politischen Themen, die dieser Roman aufmacht, und der ernsten Thematik, die er verhandelt, wird man nicht darumkommen, beim Lesen zu schmunzeln, lächeln und sich Tränen der Rührung zurückzuhalten.

Einfache Sprache ist im März 2022 bei Matthes & Seitz Berlin erschienen und kostet 25 Euro. 


Adania Shibli: Eine Nebensache. Aus dem Arabischen von Günther Orth

Wie kann die Handlung eines Romans so grausam und seine Sprache so schön sein? Die Antwort liefert Adania Shibli mit Eine Nebensache. Es geht um ein palästinensisches Mädchen, das im August 1949 von einer Truppe israelischer Soldaten in der Wüste Negev vergewaltigt und ermordet wird. Jahrzehnte später stolpert eine junge Frau aus dem palästinensischen Ramallah über den Fall, weil er sich exakt 25 Jahre vor ihrer Geburt zugetragen hat.

Ritualisiert, distanziert und gleichzeitig persönlich

Auf knapp 60 Seiten begleiten die Leser*innen die Soldaten über einen Zeitraum von vier Tagen, erzählt wird distanziert in der dritten Person und statt Namen werden lediglich Pronomen genannt. Shibli arbeitet mit Wiederholungen, die einem Ritual gleichen, etwa wenn einer der Soldaten seinen Skorpionbiss versorgt. Genauso ritualisiert und gleichzeitig distanziert wird die Vergewaltigung des Mädchens beschrieben: „Seine rechte Hand lag auf ihrem Mund, seine linke hielt sich an ihrer rechten Brust fest, und das Quietschen des Bettes hallte durch die Stille des anbrechenden Morgens, wurde lauter und kräftiger, wieder begleitet vom Geheul des Hundes.”

Bemerkenswert ist außerdem die Sprache, mit der die Autorin das Bild der Wüste zeichnet. Das Wetter beispielsweise beschreibt sie durch Gewaltmetaphorik und lässt so eine quälend hitzige Atmosphäre entstehen: „Sonnenstrahlen peitschten ihm auf den Rücken, und vor ihm flackerte der Horizont nervös in einer Fata Morgana.”

Auf den letzten 60 Seiten switcht die Erzählung dann in die Ich-Perspektive. Die Frau aus Ramallah schildert deutlich persönlicher, aber sprachlich genauso herausragend ihre Perspektive: „Man reißt ein Grasbüschel mit den Wurzeln aus und glaubt, man sei das Kraut für immer los, aber nach einem Vierteljahrhundert wächst Gras derselben Art an derselben Stelle wieder nach.” Dieser Roman ist durch den Krieg in der Ukraine leider bitter aktuell und auch wenn es aufgrund der Thematik schwerfällt, ihn als schön zu bezeichnen; er ist wunderschön.

Eine Nebensache ist im März 2022 bei Berenberg erschienen und kostet 22 Euro.


Andrea Tompa: Omertà. Buch des Schweigens. Aus dem Ungarischen von Terézia Mora

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass dieser Roman Schweigen im Titel trägt und trotzdem fast 1.000 Seiten umfasst. Aber die Figuren haben nun mal viel zu verschweigen: In der kommunistischen Nachkriegszeit Rumäniens wird die Landwirtschaft nach dem Vorbild der Sowjetunion kollektiviert, ein sozialistischer Wandel soll herbeigeführt, Besitz umverteilt werden. Der Roman erzählt, wie die ungarische Minderheit der stalinistischen Nachkriegszeit zum Opfer fällt. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Kali, eine geflüchtete Bauerntochter, der Rosenzüchter Vilmos sowie Annuschka, eine jugendliche Halbwaise, und ihre religiöse Schwester Eleonóra.

Vier Perspektiven auf den Sozialismus

Ereignen tun sich diese vier Schicksale in Siebenbürgen, einem Landstrich mitten im heutigen Rumänien, der von diversen Minderheiten bevölkert ist, was gern für folkloristischen Literaturkitsch missbraucht wird. Doch Omterà tappt nicht in diese Falle, sondern ist mal ruppig, mal persönlich und stets politisch.

Äußerst umgangssprachlich erfahren wir zuerst von Kali, die ihrem prügelnden Ehemann davonläuft und auf dem Markt in Klausenburg eine Anstellung als Magd sucht: „Ich streck mich schön, bind mir auch den Binder enger, damit sie sehen, wie schön stark meine Taille ist, und ich bind auch das Tuch fest unter meinem Kinn. Schwach seh ich ja nicht grad aus.” Derb und schonungslos ist ihre Sprache, manch ungarischer Ausdruck bleibt unübersetzt und auch Kalis liebstes Schimpfwort „Deiwel” deutet auf die Mehrsprachigkeit der Region hin.

Bei Vilmos fängt sie als Magd an, die beiden kommen sich näher, Kali wird schwanger. Doch der Frauenheld Vilmos steigt mit seiner Rosenzucht derweil sozial und politisch auf. Er soll dem Ostblock international konkurrenzfähige Rosen und Obstsorten heranzüchten. Bereits der erste Satz des zweiten Teils, in dem er aus seiner Perspektive erzählt, lässt erahnen, dass sein gesellschaftlicher Aufstieg nicht nur Vorteile nach sich ziehen wird: „Wer Rosen hat, hat auch blutige Hände.”

Die 16-jährige Annuschka, die ebenfalls eine Affäre mit Vilmos unterhält, steht im dritten Teil im Mittelpunkt, dessen Highlight zweifellos ihre inneren Monologe sind, die rührend, aber keineswegs kitschig das Seelenleben einer traurigen und unsicheren Teenagerin offenbaren. Genauso rührend ist schließlich Eleonóras Teil. Die Nonne berichtet ihrer Schwester Annuschka von ihrer Zeit in einer religiösen Konterrevolution-Gruppe und dem daraus resultierenden Gefängnisaufenthalt : „Meine Schwester will unbedingt alles wissen, was dort drin geschehen ist. Aber wie kann ich ihr das erzählen? Ich darf es gar nicht […]. Ich habe die Omertà unterschrieben […]. Aber meine Schwester hat sogar ein Heft gekauft, wenn ich nicht reden kann, soll ich dort alles hineinschreiben […]. Das kann mich heilen, sagt sie, weil ich ihrer Meinung nach krank bin.”

Krank sind hier gewissermaßen alle Figuren oder eher: gezeichnet von einem dunklen Kapitel europäischer Geschichte, das fesselnd und sprachlich herausragend erzählt wird. Hier lohnt sich jede der 1.000 Seiten.

Omertà. Buch des Schweigens ist im März 2022 bei Suhrkamp erschienen und kostet 34 Euro.

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