African Book Festival: Ich habe mich entschieden, zu träumen

Einmal im Jahr versammeln sich afrikanische und afrodiasporische Autor*innen in der Hauptstadt, um über ihre Arbeit, den Literaturbetrieb, historische und aktuelle, persönliche und politische Themen zu diskutieren. Annika Böttcher war als Freiwillige dabei.

Die Gäst*innen des African Book Festivals. Bild: Jörg Kandziora.

Vom Dachgeschoss aus kann man durch das fleckige Fenster hinunter in den Hof der Alten Münze blicken und dort das Gewusel der Gäst*innen und Künstler*innen beobachten, die Bühne, die ein längs geöffneter Container ist, die bunten Büdchen, wo sich Kleidung und Snacks erstehen lassen. Bis nach hier oben dringen Musik und Gesprächsfetzen, die ab- und zunehmen in den Pausen zwischen Lesungen, Diskussionen, Performances. 

Ich erspähe den Schriftsteller und Fotograf Lidudumalingani, Kurator des diesjährigen African Book Festivals, inmitten der Besucher*innen auf einer Bank vor der Bühne. Am Rande des Platzes stehen die Gründerinnen und Leiterinnen von InterKontinental, einer Friedrichshainer Agentur für afrikanische und afrodiasporische Literatur, die einen Buchladen, einen Verein und seit Kurzem auch einen Verlag beherbergt. Von ihnen wird das Festival ausgerichtet. Sie geben ein Interview, winken ihren Kolleginnen im Buchladen beim Vorbeigehen zu, schütteln Hände, begrüßen eine Gruppe Volunteers. 

Wenn die S-Bahn-Polster leuchten

Eine dieser mehr als 70 Volunteers bin auch ich seit Donnerstag, dem 25. August, genauer 11:10 Uhr, seit ich den Flughafen Berlin-Brandenburg betreten habe, um die ersten Künstler*innen aus London, aus Kairo, Pretoria, München zu begrüßen. Auf der S-Bahn-Fahrt zum Hotel wird laut geredet und gelacht und ich habe das Gefühl, alte Freund*innen wiederzusehen, und nicht, literarische Stars Afrikas und der Diaspora wie Lerato Mogoathle und Lauri Kubuitsile neben mir auf den ausgeblichenen BVG-Polstern sitzen zu haben. 

Vielleicht liegt in dieser herzlichen Wärme das Geheimnis des zweitägigen Festivals, denn sie endet nicht mit unserem Ausstieg aus der S-Bahn, sondern zieht sich wie ein goldener Faden durch die Hauptstadt, die die Gäst*innen des Events während ihrer freien Zeit durchstreifen. Besonders fein gestickt wird der Faden nach der Eröffnung des Festivals im Festsaal Kreuzberg hier in der Alten Münze, in die man wegen kurzfristiger Bauvorschriften bezüglich der eigentlich geplanten Location umziehen musste. So konnte einer Absage des gesamten Festivals nur knapp ausgewichen werden. 

Was es heißt, hier zu sein

Die Künstler*innen berichten in Panelgesprächen von ihren Schreibprozessen, davon, was es heißt, Schwarz zu sein, davon, was es heißt, in Südafrika, Botswana, Nigeria von der eigenen Kunst leben zu wollen. Sie sind nahbar. Die Headlinerin des Festivals, Margaret Busby, diskutiert mit der Gründerin von Brittle Paper, Ainehi Edoro, über Herausgeber*innenschaft und den Literaturmarkt, Kinder laufen zwischen den Stühlen umher, eine Studentin spricht mit JJ Bola über Selbstheilung, eine andere Besucherin lauscht, den Tränen nahe, Musa Okwongas Texten. Ich habe Literaturwissenschaften studiert, schreibe und lese viel, gehe regelmäßig auf Lesungen, bin Teil von Lesungen, aber etwas so den anderen Zugewandtes habe ich noch nie erlebt. 

„Und weil du nie die Strecke fliegen konntest, die für dich bestimmt war, beanspruch ich für dich den Himmel.“

Musa Okwonga

Wir Volunteers erleben das vierte African Book Festival gewissermaßen doppelt: vor und hinter den Kulissen. Oft schnappen wir von den Veranstaltungen nur Bruchstücke auf über die Folgen des Kolonialismus, Mental Health, die Freiheit romantischer Beziehungen, verstehen aber trotzdem (oder gerade deshalb) die Vielseitigkeit an Themen und ihre Notwendigkeit. Immer wieder kommt die Sprache auf den Literaturbetrieb, soziale wie wirtschaftliche Aspekte, Rassismus, Marktlücken, Mehrsprachigkeit und Übersetzungen, Gender, Reisebeschränkungen innerhalb und außerhalb Afrikas. Mit dem Länderschwerpunkt Südafrika wollen die Organisatorinnen dem weitverbreiteten Bild des Kontinents als ein einziges, homogenes Land entgegenwirken. 

Wütendes Berlin, tanz, tanz! 

Samstagabend, der Aufbau für das Konzert von Bongeziwe Mabandla läuft gerade, sitze ich neben einem Freund des InterKontinental-Teams im Festival-Buchladen, der selbst einige Jahre in Berlin lebte. Seinen Wegzug erklärt er mir mit der überlagernden Wut Schwarzer Berliner*innen und dem Fehlen eines sicheren Ortes für sie, an dem auch gelacht und getanzt werden darf. InterKontinental ist der erste und einer der wenigen Buchläden und Verlage im deutschsprachigen Raum, der sich explizit mit afrikanischer und afrodiasporischer Literatur beschäftigt – erstaunlich, ernüchternd und eine Erklärung für die noch immer große Unsichtbarkeit ihrer Künstler*innen und Werke hierzulande. 

Ein Glück also, dass es das African Book Festival gibt, inklusive Konzert, Afterparty und Poetry Night. Auf Letzterer, laut, auch leise, singend, immer mehrsprachig, immer leuchtend, liest einer der Künstler*innen einen Vers vor, der mir bleibt, denn: „Ich habe mich entschieden, zu träumen.“

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