Im Haus der Lebensfremden

Es soll auch außerhalb der Universität Orte geben, an denen man mit einer guten Portion akademischer Schwätzerei Erfolg haben kann. Maik Siegel hat sich umgeschaut.

Illustration: Cora-Mae Gregorschewski

Bisweilen wird die Universität als ein weltfremder Ort bezeichnet. Wie oft wird Absolventen von Arbeitgebern vorgeworfen, zwar alles über mathematische Numerik in der Klimaforschung zu wissen oder sich in der Architektur des mitteldeutschen Sakralbaus bestens auszukennen, dann aber am Wechseln einer Glühbirne zu scheitern? Wie gut tut es da, wenn man „dort draußen“ auch Menschen und Orte entdecken kann, die dem gewohnten nerdy-akademischen Umfeld entsprechen?

Einer dieser Orte ist das Autorenforum der Schwartzschen Villa in Steglitz, in der sich allwöchentlich eine alteingesessene Gruppe von Literaten trifft, um der eigenen Lyrik zu lauschen oder Kurzgeschichten zu kritisieren. Diese Lesebühne ist das Auffangbecken für all diejenigen, die in jungen Jahren vom großen Ruhm im Kunst-und Kulturbereich träumten. Inzwischen in bürgerlichen Berufen angelangt, halten sie ihre Illusionen zumindest einmal die Woche noch immer aufrecht.

Doch der gediegene Schein trügt: Schon der erste vorgelesene Text enthüllt, dass hier brandheiße Avantgarde verhandelt wird: Wir lauschen den Erlebnissen des kleinen Elefanten Pepe, der im Zoo seine Umwelt erkundet. „Sooo“ groß möchte er sein und er „törööötet“, wenn ihn etwas aufregt. Außer den lautmalerischen Ergüssen der Autorin herrscht eine Totenstille im Raum. Dann greift das intellektuelle Wahnfieber um sich: Die erste Zuhörerin macht ihrer Ungläubigkeit Luft, indem sie mit den Armen einen Rüssel nachstellt. In einer anderen Ecke bricht jemand kichernd zusammen.

Nachdem die ekstatischen Kunsterfahrungen abgeklungen sind, wird um sachliche Kommentare gebeten. Die Kritik kommt dem Duktus mancher Literaturdozenten erstaunlich nahe: Vom Anthropomorphismus des Pepe ist da die Rede, und dass dieser Terminus an diesem Abend an sich jeder nur bietenden Stelle noch einmal wiederholt wird, obwohl ihn die Hälfte gar nicht versteht – das passt doch bestens in das Weltbild des Universitätsangehörigen.

Es wird nun eifrig diskutiert, ob die Identifikation mit dem Elefantenbaby Pepe gelingt und der aufmerksame Studierende begreift, dass sich auch in der Wirklichkeit jeder noch so abwegige Gedanke gewinnbringend verkaufen lässt, wenn er nur verschnörkelt genug hervorgebracht wird. Selbst die Undiszipliniertheit der Zuhörer scheint gleich zu bleiben: Während dem normalen Studenten in der langweiligen Vorlesung WhatsApp das Leben versüßen kann, werden hier noch, ganz old school, Zettelchen untereinander getauscht, natürlich nur mit hochkulturellem Inhalt: Und, warst du gestern auch im Theater?

Man verlässt die Villa dann mit dem beruhigenden Gefühl, für diese Welt gewappnet zu sein, dumm-dreist die beunruhigende Ahnung im Kopf überhörend, dass es vielleicht nicht überall so zugeht wie in der bunten Welt der Steglitzer Literaten.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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