Theater der Selbstermächtigten

Vergangenen Freitag verwandelte sich der Henry-Ford-Bau in ein Theater. Der Freiburger Verein für interkulturelles Theater gab ein Stück aus scheinbar längst vergangener Zeit. Mit allzu aktueller gesellschaftspolitischer Sprengkraft. Von Sarah Ashrafian.

Alles schimmert Gold. Ein Paravan, Tücher, die Teile der Bühne verhängen und Zenobias Kleid. Sie steht in der Mitte der Bühne und sonnt sich im Licht ihrer Macht über das Reich Palmyrien. Das ist die Ausgangsituatuion des Stückes „Zenobia – Fluchtgeschichten früher und heute“, einer Eigenproduktion des Freiburger Vereins für interkulturelles Theater. Das Refugee-Unistreik Komitee hatte am vergangenen Freitag zur Aufführung in einem Hörsaal des Henry-Ford-Baus eingeladen. Monika Herrmann, die Leiterin des Projektes produzierte das Musical-Theater-Stück gemeinsam mit Geflüchteten aus Syrien und anderen Teilnehmern. Schüler, Studenten, Berufstätige – sie alle wollten mitmachen.

Das Schreiben war eine Möglichkeit, eine Ebene der Begegnung zu schaffen. „Wir können nicht voraussetzen, dass die Leute, die hier ankommen, so wie wir sind. Wir müssen einander kennenlernen“, sagt Herrmann. Und genau dieses Kennenlernen spiegelt „Zenobia – Fluchtgeschichten früher und heute“ wieder.

Fluchtgeschichten früher und heute

Das Stück ist in zwei Akte aufgeteilt. Der erste handelt vom Untergang einer der mächtigsten Frauen der Antike – Zenobia. Sie fordert das römische Reich heraus und geht zu weit. Nun muss sie über das Meer fliehen. Bewusst spielt das Stück an dieser Stelle auf die Parallele zur heutigen Flüchtlingsproblematik im Mittelmeer an. „Viele Schiffe kentern“ befürchtet Zenobia. Und doch betritt sie das Schiff, welches sie raus aus Palmyrien bringen soll. In der Fremde angekommen hat sie alles verloren. Nichts ist mehr übrig von der schillernden Person, die sie einst war.

Nach einem plötzlichen Bruch steht wieder eine Frau auf der Bühne, der zweite Akt beginnt. Sie spricht ins Publikum als ob sie mit ihrem Freund redete, der noch in Syrien ist. Ihm steht die schwierige Flucht noch bevor, die sie bereits hinter sich hat. Die Geschichte ihrer Familie wird in verschiedenen Zeitetappen erzählt, Situationen in Deutschland, Zeitsprung zurück nach Syrien, Flucht und schließlich Ankunft in Europa. Dabei bedient sich das Stück klassischer Musical-Elemente und ist in kurze Sequenzen aufgeteilt. Diese werden von Musik und Ausdruckstanz unterbrochen. Hin und wieder singt eine Frau aus dem Hintergrund und oft werden ganze Sequenzen durch Lieder ersetzt.

Immer wieder fragt sich der Zuschauer, ob es die eigenen Geschichten sind, welche die Schauspieler auf der Bühne darstellen. Doch im gleichen Moment fällt auf: es ist egal, denn es ist die exemplarische Geschichte eines Menschen, die wahrscheinlich genau so jemandem während der Flucht passiert ist.

Integration auf die alternative Art

Umso persönlichere Geschichten teilten die Schauspieler beim Q&A nach der Aufführung mit dem Publikum. Wie lange sind die Geflüchteten schon hier? Was haben sie zu erzählen? Dabei wurde schnell klar, dass für viele die Odyssee nach der Ankunft in Europa noch nicht beendet ist. „Wir sind vor acht Jahren aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen“, erzählt Dijana Celic. „Sieben Jahre haben wir im Heim gelebt, doch erst vor einem Jahr haben wir unsere Aufenthaltsgenehmigung bekommen“.

Anders Familie Diab, die erst vor kurzem nach Deutschland gekommen sind. Für sie war das Theaterstück vor allem eine Chance: Erst vor vier Wochen hatten sie angefangen, Deutsch zu lernen. „Es war eine Gelegenheit, sich zu integrieren. Und wir konnten unser Deutsch verbessern“ erzählen sie. Und das Integrationsprojekt ist gelungen. „Wir sind alle wie eine Familie geworden“, sagt Monika Hermann. „So viel, wie wir zusammen erlebt haben – das schweißt zusammen.“

Das Stück bot nicht nur den Schauspielern gegenseitig die Möglichkeit sich kennenzulernen. Durch die interaktive Fragerunde, konnten auch die Zuschauer die Geflüchteten und ihre Geschichten näher kennenlernen. Dadurch verdeutlichte das Stück eine grundsätzliche Problematik in der Migrationsdebatte: Integration funktioniert nur, wenn beide Seiten aufeinander zugehen.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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