Kulturreif Spezial: Der Internationale HKW-Literaturpreis Teil I

Morgen wird der Literaturpreis des Haus der Kulturen der Welt verliehen. Greta Linde hat sich die Shortlist durchgelesen – und ist auf wortgewaltige Sommerlektüre und politische Aufarbeitung gestoßen.

Foto: Greta Linde

Zum dreizehnten Mal verleiht das Haus der Kulturen der Welt morgen den Internationalen Literaturpreis für übersetzte Gegenwartsliteratur. Das Besondere: Das HKW und die Stiftung Elementarteilchen ehren nicht nur den Roman, sondern auch die deutsche Erstübersetzung. Dotiert ist der Preis mit 20.000€ für den*die Autor*in und 15.000€ für den*die Übersetzer*in. Auf die Shortlist haben es dieses Jahr sechs Romane geschafft, die „im Alltäglichen nach unseren tiefsten Ängsten schürfen, die sich mutig weigern zu vergessen“, so die Jury. Zum zweiten Kulturreif Spezial mit den Rezensionen geht es hier.

Fatima Daas (aus dem Französischen von Sina de Malafosse): Die Jüngste Tochter

Dieser autobiografische Roman ist Tagebuch, Coming-of-Age, Kultur- und Religionskritik in einem. Und unterhaltsam noch dazu. Fatima Daas erzählt in kurzen Kapiteln von ihrer Kindheit und Jugend als algerisch-stämmige Muslima in Frankreich, von ihrer Homosexualität und der damit verbundenen Zerrissenheit zwischen Familie und Freiheit. Daas drückt dabei keineswegs auf die Tränendrüse, vielmehr ist dieser 190 Seiten kurze Roman humorvoll und brutal ehrlich, ohne dick aufzutragen.

„Ich heiße Fatima”

Mit diesem Satz beginnen alle Kapitel. Mal leitet Daas damit eine Anekdote über ihre Fahrt in den öffentlichen Verkehrsmitteln von Paris oder ihre Grundschulzeit ein, ein anderes Mal widmet sie sich ihrer Asthmaerkrankung. So banal diese Dinge klingen mögen, anhand jeder Geschichte erzählt sie uns mehr von sich, gewährt Einblick in die vielen Kämpfe, denen sie sich als migrantische, muslimische, homosexuelle Frau stellen muss: „Ich heiße Fatima. Ich trage den Namen einer symbolischen Figur des Islam. Einen Namen, den man ehren muss. Einen Namen, den ich entehrt habe.” 

Die Aufhänger, mit denen Daas einsteigt, tauchen immer wieder auf, es sind die stets gleichen Motive, anhand denen sie ihr Leben erzählt. Das tut sie in kurzen, einfachen Sätzen, die genau auf den Punkt sind: „Adel sagt, er wisse, was das Beste für mich sei. ‚Du brauchst Zeit, Fatima!’ Mir ist übel. Wir trennen uns, um wieder zusammenzukommen. Dieses Mal schaffe ich es nicht. Das kleinste Wort, die kleinste Geste von ihm ärgert mich. Ich tue alles dafür, dass es böse endet.” Diese schonungslose Ehrlichkeit und der Humor, mit dem Daas (und ihre Übersetzerin Sina de Malafosse) große Konflikte so persönlich beschreiben, machen dieses Buch enorm lesenswert. Als Leser*in lernt man hier nicht durch ein episch beschriebenes Traumata, sondern durch eine runde, kurzweilige Erzählung, die großen Appetit auf mehr macht. Dieser Roman hätte den Preis hochverdient.


Jonas Eika (aus dem Dänischen von Ursel Allenstein): Nach der Sonne

Eigenartig, verstörend und auf den ersten Blick zusammenhangslos sind die fünf Kurzgeschichten, die Jonas Eika auf nur 150 Seiten erzählt. Mal geht es um einen dänischen IT-Berater, der bei seiner Ankunft in Kopenhagen merkt, dass sein Büro in Schutt und Asche liegt und sich dann mit einer Bekanntschaft auf einen Städtetrip begibt. Dann erfahren wir von einem Angestellten in einem mexikanischen Beachclub, der den reichen Gästen die Rücken eincremt und eine Affäre mit einem Kollegen beginnt. Oder von einem Ehepaar, das in Nevadas Wüste auf die Ankunft von UFOs wartet.

Ein Roman wie ein Rausch

Was alle Geschichten eint, ist die verruchte, sexuelle Komponente. Es geht um Begehren und Verbrechen, um Hoffnung und Abenteuer. Eika streut diese Themen so eindeutig und gleichzeitig beiläufig ein, dass sie sich keineswegs aufdrängen. Zudem bedient der Autor, Dänemarks jüngster Shootingstar der Literaturszene, sich einer bildhaften, detaillierten Sprache. Seine Wortwahl zieht direkt in den Bann und entführt die Leser*innen an die verschiedenen Handlungsorte: „Die leise Ironie, mit der seine Finger eine Zigarette hielten. An jenem Tag waren selbst die Flugzeuge schön. Kaputte Luft. Kaputter Asphalt, daraus hervorbrechende Pflanzen. Stechender Geruch von Rind und anderen toten Tieren auf einem Markt am Stadtrand. Eine prächtige Metzgerei, im Blut treibende Wespen.” Diese Sprache behält er bei, selbst wenn seine Figuren sich in extaseartigen Anfällen befinden oder wilde Fantasien durchleben. Da Eika (und die Übersetzerin Ursel Allenstein) die Protagonist*innen ernst nehmen und sprachlich im Moment bleiben, ist nie ganz klar, was Realität und was Fiktion ist. Und das ist genial. Dieser Roman ist die perfekte Urlaubslektüre, denn er fühlt sich an wie eine Sommerparty: Heiß, schwitzig und flirty. Er ist ein wahrer Rausch und hinterlässt etwas Verwirrung, einen Kater. Und wie nach jedem guten Hangover, will man sich, sobald der letzte auskuriert ist, wieder in den nächsten Rausch hineinstürzen.


Fang Fang (aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann): Weiches Begräbnis

Fang Fang ist zwar eine von Chinas bekanntesten Autorinnen, ihr internationaler Erfolg Weiches Begräbnis jedoch inzwischen vom chinesischen Buchmarkt verschwunden. Der hochpolitische Roman spielt nämlich zur Zeit der „Bodenreform” im China der 1950er und -60er Jahre, als Grundbesitzer*innen systematisch und gewaltsam enteignet wurden und das Land an die arme Bevölkerung verteilt wurde. Bis heute gilt diese Zeit als kollektives Trauma, über das nicht gesprochen wird. Auf über 440 Seiten erzählt Fang Fang von der Lebensgeschichte einer Frau, die fast tot aus einem Fluss geborgen wird und sich ohne jegliche Erinnerung ein neues Leben aufbaut. Sie heiratet ihren Lebensretter, den Arzt Dr. Wu, bekommt den Sohn Qinling, arbeitet hart und freudlos und zieht im hohen Alter zu ihrem Sohn. Erst dann kehren verdrängte Erinnerungen zurück, sie verfällt in eine tranceartige Schockstarre und so macht sich Qinling auf die Suche nach ihrer Familiengeschichte.

Hundert Seiten durchhalten

Fang Fang schreibt anfangs in einem nahezu sterilen Sprachstil: „Es trat etwas ein, womit sie nie gerechnet hatte: Ihr Doktor Wu würde sie nicht in ein gemeinsames Alter begleiten. Er starb unterwegs, als er die Wohnung verlassen hatte, um etwas zu erledigen.” So ist auch zu Beginn immer nur von „der Frau” die Rede. Später erfahren wir, dass sie Ding Zitao heißt. Dieser Stil ist anstrengend; besonders im Vergleich mit den anderen Romanen, lässt sich dieser hier nicht runterlesen. Als Leser*in muss man die ersten hundert Seiten abwarten, durchhalten, sich eingewöhnen. 

Fang Fangs teils kühle Sprache (bzw. die Übersetzung von Michael Kahn-Ackermann) steht für die emotionale Leere und Einfachheit, in der Ding Zitao lebt, für das Vergessen und Schweigen einer ganzen Generation. Für das Weiche Begräbnis, das nicht nur das Vergraben von Leichen ohne Sarg (Stichwort „Bodenreform”) meint, sondern auch das Verdrängen unliebsamer Erinnerungen. Und doch schafft es Fang Fang im Laufe des Romans, der sich auf mehreren Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven abspielt, eine ungeheure Nähe zu ihren Protagonist*innen aufzubauen. Wer sich mit Chinas Geschichte und (Erinnerungs-)Kultur auseinandersetzen möchte, sollte diesen Roman unbedingt lesen. Dass er in China nicht mehr zu kaufen ist, ist Beweis genug für seine Brisanz und Relevanz.

Hier geht es zum zweiten Teil


Die Jüngste Tochter ist im Mai bei Ullstein erschienen und kostet 20 Euro.  

Nach der Sonne ist bereits 2020 bei Hanser Berlin erschienen und kostet 20 Euro.  

Weiches Begräbnis ist im März bei Hoffmann und Campe erschienen und kostet 26 Euro.

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