Kulturreif Spezial: Der Internationale HKW-Literaturpreis Teil II

Heute wird der Literaturpreis des Haus der Kulturen der Welt verliehen. Greta Linde hat sich die Shortlist durchgelesen – und ist auf schwere, aber durchaus berauschende Kost gestoßen.

Foto: Greta Linde

Zum dreizehnten Mal verleiht das Haus der Kulturen der Welt heute den Internationalen Literaturpreis für übersetzte Gegenwartsliteratur. Das Besondere: Das HKW und die Stiftung Elementarteilchen ehren nicht nur den Roman, sondern auch die deutsche Erstübersetzung. Dotiert ist der Preis mit 20.000€ für den*die Autor*in und 15.000€ für den*die Übersetzer*in. Auf die Shortlist haben es dieses Jahr sechs Romane geschafft, die „im Alltäglichen nach unseren tiefsten Ängsten schürfen, die sich mutig weigern zu vergessen“, so die Jury. Der erste Kulturreif Spezial mit den Rezensionen ist gestern erschienen.

Ava Farmehri (aus dem Englischen von Sonja Finck): Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen

Genauso dunkel wie der Titel vermuten lässt, ist die Handlung dieses Romans. Es geht um Sheyda Porroya, eine zwanzigjährige Iranerin, die im Jahr 1999 auf ihre Hinrichtung wartet. Sie soll für den Mord an ihrer Mutter gehängt werden, sitzt in der Todeszelle und reflektiert ihr noch junges Leben. Sheyda ist jedoch keine zu Unrecht verurteilte Menschenrechtlerin oder politische Aktivistin – und gerade das macht diesen Roman so spannend.

Harte Realität, poetische Sprache

Obwohl die Protagonistin keineswegs unschuldig ist, fiebert man mit und hofft, dass sie ihrer Strafe irgendwie entgehen kann. Die Frage nach den Motiven für Sheydas Mord dient dabei als roter Faden des Romans. Zwischen der brutalen Gegenwart, die sich im Gefängnis abspielt, und den Erinnerungen an ihre Kindheit beim Psychiater, lässt die Ich-Erzählerin tiefe Blicke in ihr Innenleben zu. Sie reflektiert ihre Rolle als kindliche Bettnässerin, als Diebin, Lügnerin und als Tochter. Schnell wird klar: Sheyda hat sich bereits in frühen Jahren in fantasievolle Parallelwelten geflüchtet und so ist nie ganz klar, was real und was fiktiv ist. Farmehris poetische Sprache (und die grandiose Übersetzung von Sonja Finck) verstärken diesen Eindruck und ist so bildhaft, dass man stets bei Sheyda zu sein scheint, sowohl räumlich, als auch emotional: “Ich wollte geliebt werden. Ich wollte einfach nur geliebt werden. Ich wollte in den Armen der Nacht versinken, wollte, dass mich jemand hielt, wollte ebenso vertrauensvoll mit einem geliebten Menschen verschmelzen wie der Himmel mit dem Meer. Wir sind so jung wie unsere Unschuld und so alt wie unsere Sorgen. Ich bin aus einem Gewirr aus Zahlen verloren, aus Jahren, die mich ersticken zu drohen, aus bloßgelegten schwärenden Wunden.”

Ava Farmehri stammt wohl selbst aus dem Iran. Ihr Name ist ein Pseudonym, über die in Kanada lebende Autorin ist so gut wie nichts bekannt. Auf 280 Seiten erzählt sie durch die enorm persönliche Handlung einen Teil der iranischen Geschichte. Wie Weiches Begräbnis handelt es sich hierbei um viel mehr als nur eine Familiengeschichte. Es geht um die Geschichte eines Landes, um politische und soziologische Umbrüche und weibliche Selbstbestimmung. Dieser Roman ist unbequem, er ist sicherlich nicht so leicht wie die Konkurrenz, ist aber mindestens genauso spannend und relevant. 


Nastassja Martin (aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer): An das Wilde glauben

Dieser Roman dürfte besonders dankbar für die Nominierung sein, denn sein Cover ist hässlich, unscheinbar und lädt eher zum Vorbeigehen als zum Klappentextlesen ein. Die Story des autobiografischen Romans, der nicht einmal 140 Seiten umfasst, ist schnell erzählt: Die französische Anthropologin Nastassja Martin liegt im Krankenhaus, da sie bei einer ihrer Forschungsreisen im russischen Kamtschatka von einem Bären in den Kopf gebissen wurde und wie durch ein Wunder überlebt hat. Im Krankenbett im östlichsten Zipfel Russlands arbeitet sie den Unfall auf, erinnert sich bruchstückartig an den Kampf mit dem übermächtigen Tier und beobachtet – nachdem sie nach Frankreich verlegt wird – die Unterschiede zwischen östlicher und westlicher Medizin und Kultur.

Einfacher Inhalt, wortgewaltige Sprache

So simpel die Geschichte auch klingen mag, so bildlich und mächtig ist die Sprache, mit der Nastassja Martin bzw. ihre Übersetzerin Claudia Kalscheuer den Überlebenskampf und die Genesung beschreiben. Martin ist wie besessen von dem Erlebnis, hat das Gefühl, ein Teil des Bären sei in ihr zurückgeblieben. Nachdem sie das Tier besiegt hat, führt sie gewissermaßen einen Kampf gegen sich selbst: “Mein Problem ist, dass mein Problem nicht nur mit mir zu tun hat. Dass die Melancholie, die sich in meinem Körper ausdrückt, von der Welt kommt. Ich glaube, es ist tatsächlich möglich, zu dem Wind zu werden, der durch uns hindurchweht.”

Martin beschreibt die russische Halbinsel Kamtschatka mit ihren Vulkanen, Rentieren und Lachsen so bildhaft, dass man nach dem Lesen seine Koffer packen und in den Fernen Osten reisen möchte. Sie findet solch präzise Worte für ihre Depression und beschreibt die Tristesse des russischen Hospitals so detailliert, dass man meinen könnte, selbst niedergeschlagen im Bett zu liegen. Das schönste ist jedoch die Euphorie, die zwischen den Zeilen hindurch scheint. Der Optimismus, mit dem sie sich zurück ins Leben, zurück nach Kamtschatka, kämpfen möchte. Martin hat keinen Beruf, sondern eine Berufung. Man wünscht diesem wunderbaren Roman lediglich ein ansprechenderes Cover, das genauso bunt und gewaltig wie seine Sprache ist. Es wäre nur gerecht, denn dieser Roman ist sicherlich ein heißer Favorit auf den Preis.


Jenny Offill (aus dem Englischen von Melanie Walz): Wetter

Die Us-amerikanische Bestsellerautorin Jenny Offill erzählt auf knapp 220 Seiten von der Bibliothekarin Lizzie Benson. Lizzie kümmert sich um mehr als nur Bücher: Sie sorgt sich um die seelischen Belange von Studierenden und Professor*innen und gibt die Hobby-Psychologin. Zudem beantwortet sie die Mails ihrer ehemaligen Mentorin Silvia, die einen apokalyptischen Podcast betreibt. Ihr letztes bisschen Freizeit opfert Lizzie für ihren ehemals drogenabhängigen Bruder. 

Eine simple Geschichte mit cleverer Botschaft

Als Leser*in nimmt man an Lizzies Alltag teil, begleitet sie in die Bibliothek und liest die Fragen der Podcast-Hörer*innen, die in Rechtecken samt Lizzies Antworten zwischen der eigentlichen Handlung abgedruckt sind: „Frage: Wie kann ich meine Kinder am besten auf das bevorstehende Chaos vorbereiten? Antwort: Sie können Ihnen beibringen, zu nähen, zu pflanzen, zu bauen. Aber Techniken, um eine furchtsame Seele zu beruhigen, sind vielleicht am nützlichsten.” Lizzies Leben ist unaufgeregt, doch die Welt ist in Aufruhr. Jede*r im Umfeld der Bibliothekarin hat Angst vor der Zukunft: Die Linken vor der Klimakrise, die Rechten vor dem vermeintlichen Untergang ihrer westlichen Werte und ihr Bruder vor der Schwangerschaft seiner Freundin. Lizzie unterstützt sie alle.

Die Wortwahl von Offill und ihrer Übersetzerin Walz ist unaufgeregt und passt zur einfachen Handlung. Beim Lesen wartet man stets auf einen Stein, der die Story ins Rollen bringt – vergeblich. Lahm ist dieser Slice of Life-Roman dennoch nicht, denn erst rückblickend bemerkt man, wie sich schleichend vieles verändert hat. Es braucht keinen Knall und das ist wohl Offills Botschaft, die perfekt in unser Zeitalter von (Post-)Trump, Klimakatastrophen, Flucht, Shitstorms und gesellschaftlicher Spaltung passt: Die Dinge ändern sich langsam, das vermeintlich Böse schleicht sich ein. Bemerkenswert ist, dass die Autorin niemals klar benennt, was für eine Katastrophe überhaupt droht. Doch dieser diffuse Eindruck, dieser leise Verdacht ist es, der den Roman besonders macht. Als Leser*in bleibt man unterhalten, nicht überfordert und doch verdutzt zurück. Das Werk kommt ohne großen Knall, ohne große Story, ohne große Sprache aus – das macht ihn nicht so mitreißend wie seine Konkurrenz, aber gut ist er trotzdem.

Hier geht es zum ersten Teil


Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen ist im bereits 2020 bei Edition Nautilus erschienen und kostet 22 Euro.  

An das Wilde glauben ist im März bei Matthes und Seitz Berlin erschienen und kostet 18 Euro.

Wetter ist im April bei Piper erschienen und kostet 20 Euro.

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