FURIOS fantasiert: Einmal zur Uni bitte

Niedrige Inzidenzen, steigende Impfquoten: Die Hoffnung auf ein Wintersemester in Präsenz ist noch nicht verloren. Das sorgt für freudige Erwartungen, ist aber auch ein wenig Furcht einflößend, findet Corona-Ersti Lucie Schrage.

Die Holzlaube in Dahlem, grau in grau. Foto: Lucie Schrage

In der Ferienserie „FURIOS fantasiert” erlauben sich unsere Autor*innen eine kleine Träumerei.

Der Tag, an dem ich das erste Mal den FU-Campus betrat, war ein grauer Tag. Es regnete ja auch. Damit war der Stimmungsraum für mich als verzweifelte Protagonistin perfekt. Verzweifelt, weil ich mir nicht sicher war, ob ich richtig war, ob dieses leer gefegte Gelände in Dahlem wirklich der Campus war. Auf dem hölzernen Gebäudeblock stand zumindest Freie Universität Berlin, was für mich als Corona-Ersti äußerst hilfreich war.

Dieser Tag spielte sich letztes Jahr im Herbst ab und ich war nur vor Ort,  um meine Campuscard zu erstellen – weil ich doch tatsächlich die Hoffnung besaß, dass ich in meinem ersten Semester auch mal an die Uni könnte. Eine Hoffnung, die Präsident Günter Ziegler ein Jahr später nun mit vollem rhetorischen Potenzial auf Instagram fürs kommende Wintersemester schürt. 

Vorfreude auf Uni-Alltag

Damit könnte es in meinem dritten Semester nun endlich so weit sein. Freude war das Erste, was sich in mir regte. Eine fantasievolle Vorfreude, eingefärbt von klischeehaften Vorstellungen, wie mein Uni-Leben aussehen würde: Nun könnte ich den Campus kennenlernen, mein Cardio-Training durch Herumrennen und Zur-U-Bahn-Sprinten ersetzen. Ich könnte – wie auf den hochglänzenden FU-Broschüren – mal im Grünen sitzen und lernen, würde meine Kommiliton*innen nicht nur als graue Kacheln sehen.

Meine bunt schillernde Fantasie würde sich endlich von der Realität ablösen lassen. Vielleicht wäre die dann nur noch pastellfarben, aber das würde ich hinnehmen. Denn wie die meisten Vorstellungen über Studierende auf Vorurteilen und Klischees beruhen, habe ich einen Seminarraum noch nie von innen gesehen.

Wenn es also für die anderen zurück und für mich das erste Mal an die Uni geht, bekäme ich tatsächlich mal das Gefühl, dass ich studiere. Mein Uni-Alltag würde nicht mehr enden, wenn ich den Laptop zuklappe, um dann auf die immergleichen Wände meines Zimmers zu blicken. 

Vielleicht lieber doch nicht?

Doch Zweifel waren das Zweite, was sich in mir regte. Schließlich habe ich es mir in meinem Zimmer ganz gemütlich gemacht. Die Kamera einzuschalten ist keine Pflicht, und sich innerhalb des akademischen Viertels einzuloggen entspricht der Pünktlichkeit. Zudem ist mein Zeitmanagement mittlerweile eins a, da man während der Vorlesungen auch die Wäsche oder eine Runde Yoga machen kann. 

Also eigentlich will ich gar nicht meckern, da ich einen sanften und vor allem gemütlichen Einstieg ins Studium hatte. Ich musste nicht viel umkrempeln. An meinem Leben hat sich nicht viel geändert, da die Online-Semester dies auch nicht erforderten. Ich konnte in Ruhe erlernen, mir einen Stundenplan zu erstellen, mich in Seminare und Vorlesungen einfinden und die geforderten Leistungen erfüllen, ohne den Druck und die Angst, das soziale Leben zu verpassen. Online kann man ja sowieso auf mehreren Partys zugleich tanzen. Natürlich habe ich mit etwas anderem gerechnet, als ich mich an der FU eingeschrieben habe. Auch Präsident Ziegler stellt gerne klar, dass FU nicht für „Fern-Universität” steht.

Schade, war teilweise ganz nett. So viel Stretching habe ich zuvor nämlich nicht geschafft, jedoch bisher auch nicht nötig gehabt. Die Reizüberflutung blieb als Corona-Ersti aus, könnte mich aber nun mit voller Wucht in meinem dritten Semester treffen. Und will ich das? Die Zweifel überwogen schon ein wenig die Freude, die eben aus ihrem Grab gekrochen kam, aber nur für einen Moment. Gut, ich müsste mein Zeitmanagement etwas ändern, meinen Fokus verschieben und mir ins Gedächtnis rufen, dass ich nicht die Einzige bin, die ein wenig verloren ist, wenn es dann an die Uni geht – auch wenn ich streng genommen kein Ersti mehr bin. 

Um ganz ehrlich zu sein, halten sich meine Vorstellungen in Grenzen, da meine Fantasie und Kreativität in der Pandemie wie all meine Zimmerpflanzen eingegangen ist. Ja, irgendwann erlaubt man es sich nicht mehr, zu träumen, sich diese Alternative, die eigentlich meine neue Realität sein sollte, überhaupt vorzustellen. Das habe ich einmal, in allen Farben, und wurde so grau begrüßt. Ich habe also keine Ahnung, welche Möglichkeiten mir das Studium an der FU und der Alltag auf dem Campus alles bieten könnten. Aber immerhin finde ich inzwischen dorthin.

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