Die gutbürgerliche Familie als gammelnde Keimzelle

Bis zum 19. Juni konnten Interessierte die Ausstellung _:* PORTRÄTS VON KÜNSTLER:INNEN der Berliner Fotografin Sibylle Fendt besuchen, welche am 15. Juni von einer Lesung mit spannenden Gäst*innen wie Hengameh Yaghoobifarah ergänzt wurde. Seval Tekdal berichtet.

Die Bilder der Fotografin Fendt sollen Persönlichkeiten statt Geschlechter abbilden. Bild: Seval Tekdal.

Schon durch die im Foyer des Fhoch3 – Freiraum für Fotografie hängende Infotafel wird das Anliegen der Künstlerin Sibylle Fendt deutlich: Im Zentrum ihrer Arbeit stehe die feministische Positionierung der von ihr porträtierten 43 Künstler*innen und nicht etwa deren (angenommenes) Frausein. „Auf meinen Bildern sind Persönlichkeiten abgebildet, keine Geschlechter“, wird Fendt auf der Tafel zitiert.

Von der Tänzerin und Songwriterin Kristin Jackson Lerch über die Filmregisseurin Kis‘ Keya bis hin zu Autor*in und Kolumnist*in Hengameh Yaghoobifarah hat Fendt es geschafft, durch jedes Porträt ein ganz eigenes Gefühl bei dem*der Betrachter*in zu erzeugen.

Fachfremd und doch souverän

Pünktlich um 19:30 Uhr beginnt sodann die Lesung der ebenfalls von Fendt im Fhoch3 neu eingeführten Reihe des Feminist Wednesday, die zukünftig jeden Mittwoch Raum zum feministischen Austausch ermöglichen soll.

Wie wichtig der Künstlerin die Schaffung dieses feministischen Gesprächsraumes und vor allem das Schaffen einer Bühne für die Messages der von ihr porträtierten Menschen ist, wird nicht zuletzt auch dadurch deutlich, dass sie sich trotz sichtlicher Aufregung „fachfremd“, wie sie selbst entschuldigend ins Mikro murmelt, der Moderation des Abends annimmt.

Eine im Rückblick überflüssige Entschuldigung, da Fendt im Verlauf des Abends jeder Autor*in eine Vielzahl spannender Fragen stellen und das Publikum professionell und sympathisch durch die Veranstaltung führen wird.

Drei Romane, ein Thema

Geladene Gäst*innen sind an diesem Abend: Hengameh Yaghoobifarah (Ministerium der Träume), Fatma Aydemir (Dschinns) und Sasha Marianna Salzmann (Im Menschen muss alles herrlich sein). Alle drei Autor*innen lesen nach einigen einleitenden Worten Textstellen aus ihren Romanen vor. Einige sind lustig, andere tragisch. Ihnen allen gemein ist aber das romanbeherrschende Thema des Konzepts der „Familie“.

Während die Protagonist*innen in den Büchern von Salzmann und Yaghoobifarah queere, starke Frauen sind, die sich auf die eine oder andere Art gegen die heteronormative Art des Lebens, Liebens und schließlich auch des Alterns auflehnen, setzt sich Aydemir in ihrem Roman mit der Architektur der Familie auseinander. 

Salzmanns Figur der in der Sowjetunion aufwachsenden Lena verkörpere für hen* den Widerstand „gegen das heteronormative Drillleben“. Auch der Austausch zwischen den queeren Generationen wird in diesem Werk behandelt.

Yaghoobifarah widmet sich in hens Roman vor allem der Beziehung zwischen Geschwistern – um den Fokus ganz absichtlich einmal nicht auf die romantische Liebe, sondern eben auf die geschwisterliche zu legen, wie die Autor*in sagt. Neben queerem Altern und der Auseinandersetzung mit dem Nichtvorhandensein eines Kinderwunsches behandelt Yaghoobifarah außerdem eine Reihe wichtiger gesellschaftspolitischer Themen – ein Aspekt, der sich beim Beschreiben einer queeren PoC-Protagonistin in ihren Vierzigern „ganz natürlich ergeben“ habe, wie Yaghoobifarah sagt. Dass eine solche Figur in ihrem Leben schon diverse Formen der Diskriminierung habe erleiden müssen, sei schließlich absolut lebensnah und habe die Verarbeitung dieser Themen in hens Roman damit quasi notwendig gemacht.

Aydemir schließlich beschreibt in ihrem Roman die typische Dynamik einer Großfamilie, die in der Innenansicht von Geheimnissen, Wünschen und Wunden geprägt, nach außen hin jedoch den Schein der Stabilität aufrechtzuerhalten weiß. 

Von der Freiheit, für sich selbst zu entscheiden

Obgleich die jeweilige Ausgestaltung der thematischen Auseinandersetzung zwischen den einzelnen Romanen variiert, bleiben ihre Kernfragen doch gleich: 

Was hat Familie einst bedeutet? Was bedeutet sie heute? Welchen Druck kann sie ausüben? Und ist nicht schon allein das Konzept der (heteronormativen Kern-)Familie selbst Ausdruck gesellschaftlichen Zwangs? Wie umgehen mit der Stabilität und der gleichzeitigen Fragilität dieses Konzepts?

Was hat es mit dem Ausspruch der „Familie als Keimzelle der Nation“ auf sich und was passiert, wenn diese Zelle anfängt zu gammeln? Oder zu sterben, wenn wir entscheiden, uns nicht fortzupflanzen?

Sind wir dann nicht gezwungen, Familie neu zu denken? Wollen wir Familie nicht sogar unabhängig davon ganz neu denken? Fernab von heteronormativen, gutbürgerlichen Idealen, über die Absurdität des Konzepts der Blutsverwandtschaft hinaus? Wie viel mehr Lebensglück wäre möglich, wenn wir uns von gesellschaftlich und womöglich selbstauferlegten Prinzipien und vermeintlicher Verantwortungsbürde befreien und erkennen würden, dass Familie ein interpretationsoffener Begriff ist und dass es jedem und jeder selbst zusteht, diesen nach Belieben und mit Blick auf die eigenen Bedürfnisse zu füllen?

Auch wenn alle drei Autor*innen diese Fragen in ihren Romanen auf unterschiedliche Arten behandelt und schließlich auch beantwortet haben mögen, so entsteht doch gerade auch in ihrem gemeinsamen Abschlussgespräch des Abends der Eindruck, dass diese Bücher auf absurd-zufällige Art doch irgendwie zusammengehören. Oder wie Yaghoobifarah treffend sagt: „Unsere Bücher kommen aus demselben Kiez.“

Wer diesen Kiez gefunden hat, möge bitte Bescheid geben. Es wird dringend Zeit für einen Umzug – eigentlich sogar für uns alle! 


*„hen ist eine von vielen möglichen Personalpronomen für nicht binäre Personen.

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