Von der Marginalisierung der Magie

In den 15 Bibliotheken der FU schlummern einige kuriose Bücherschätze. Die FURIOS Redaktion versucht sich als Buchclub und macht es sich zur Aufgabe, unsere Autor*innen in den verschiedensten Themen weiterzubilden. Bücher-Bingo Episode 1: Silvia Federicis „Caliban und die Hexe“, besprochen von Julian Sadeghi.

Die Hexenverfolgung des Mittelalters: nach Silvia Federici eine grundlegende Entwicklung hin zur heutigen Gesellschaftsordnung. Foto: Julia Hubernagel Bildmontage: Annika Grosser

Auf den ersten Blick klingt es weit hergeholt: Die Hexenverfolgungen des Mittelalters als eines der bedeutendsten Ereignisse für die Entwicklung der bis heute dominanten kapitalistischen Gesellschaft, gleichzeitig einer der Schauplätze für die Entstehung der patriarchalen Gesellschaftsordnung? Die italienisch-amerikanische Philosophin und Feministin Silvia Federici verfolgt diese Hypothese in ihrem Werk „Caliban und die Hexe – Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation“. Der Anspruch: Eine Analyse des Übergangs vom mittelalterlichen Feudalismus zum Kapitalismus aus marxistisch-feministischer Perspektive.

Federici beginnt mit einer Betrachtung der sozialen und politischen Verhältnisse im mittelalterlichen Europa. Lehnswesen und Leibeigenschaft bestimmen die Lebensrealität der Menschen. Mitte des 14. Jahrhunderts wütete die Pest in Europa, der etwa ein Drittel der damaligen Bevölkerung zum Opfer fiel. Dennoch diagnostiziert Federici eine Verbesserung der Lebensverhältnisse nach dem Ende der Seuche: Es gab plötzlich keine Landknappheit mehr, die Lehnsherren konkurrierten um die wenigen verfügbaren Arbeitskräfte. Am Ende des 15. Jahrhunderts war die Leibeigenschaft fast überall verschwunden.

Kapitalistische Konterrevolution

Zeitgleich habe allerdings eine „Konterrevolution“ der politischen Autoritäten begonnen, die Federici im von Karl Marx geprägten Begriff der „ursprünglichen Akkumulation“ sieht – also der Enteignung der europäischen Bauern und der Entstehung der Arbeiter*innenschicht. An diesem Punkt setzt Federicis eigene Analyse an: Die Arbeitskraft habe schließlich reproduziert werden müssen. Die Kontrolle dieser Reproduktion den Frauen selbst zu überlassen, hätte die Entwicklung des Kapitalismus gefährdet. Als zentralen Aspekt dieser Entwicklung macht die Autorin die Hexenverfolgungen des 16. und 17. Jahrhunderts aus: Die europäischen Regierungen begannen, alle Formen von Verhütung und Abtreibung zu bestrafen und den Beruf der Hebamme zu marginalisieren. Gesamtgesellschaftlich setzte ein Prozess der sozialen Degradierung von Frauen und Frauenarbeit ein.

„Wir können nur zu dem Schluss gelangen, dass die europäischen Hexenverfolgungen ein Angriff auf den Widerstand der Frauen gegen die Ausbreitung kapitalistischer Verhältnisse waren…“

Silvia Federici

In der weiteren Entwicklung wurde der menschliche Körper „mechanisiert“, die Umwandlung von menschlicher Kraft in Produktivität stand im Vordergrund, der Begriff des Körpers als Träger magischer Kräfte wurde verdrängt – eine weitere Entwicklung, die die Hexenverfolgung prädeterminierte.

Für Federici war die Hexenverfolgung, am weitesten verbreitet zwischen 1550 und 1650, eine politische Initiative. Zum einen sei sie größtenteils von weltlichen Gerichten organisiert worden, zum anderen hätten sowohl katholische als auch evangelische Nationen – die im Übrigen verfeindet waren – Hexen verfolgt.

„… und ein Angriff auf die Macht, die Frauen durch ihre Sexualität, ihre Kontrolle über die Reproduktion und ihre Heilfähigkeit erreicht hatten.“

Silvia Federici

Die Hexenjagd sei von einer politischen Klasse vorangetrieben worden, die sich um eine schrumpfende Bevölkerung und einen damit einhergehenden Wohlstandsrückgang gesorgt habe. Man warf Hexen in ihren Prozessen vor, die Zeugungsfähigkeit der Menschen vernichten zu wollen und Kinder zu töten.

Federici reichert ihre Betrachtung durch weitere Blickwinkel an. So thematisiert sie immer wieder Wechselbeziehungen zwischen den Hexenverfolgungen und dem europäischen Kolonialismus, insbesondere in Hinblick auf die Unterwerfung der Indios in der Neuen Welt. Deren Schicksal als Sklavenarbeiter*innen vergleicht sie mit dem Schicksal der europäischen Hexen: Beide Gruppen hätten „dem Kapital das scheinbar unbegrenzte Angebot an Arbeitskraft geboten, das die Akkumulation erforderte.“

Es handelt sich um ein aktivistisches Buch – viel Raum für Differenzierung und Debatte über Ursache und Wirkung räumt die Philosophin in ihrem Werk nicht ein. Die Lektüre lohnt sich dennoch, denn Federicis politische Einordnung der Hexenverfolgung verleiht diesem allenfalls aus dem Geschichtsunterricht der Mittelstufe bekannten historischen Ereignis eine ganz neue Facette.


Silvia Federici, Caliban und die Hexe, Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation, Mandelbaum Verlag, erhältlich in der Universitätsbibliothek

Autor*in

Julian Sadeghi

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