Der Konzertentzug ist real

Was tun, wenn du mit Festivalsommern aufgewachsen bist und plötzlich ist Corona? Unsere Autorin Julia Wyrott hat sich bei einem Picknickkonzert Abhilfe verschafft und gleich noch den Sänger ihrer Lieblingsband getroffen.

Autorin Julia Wyrott fühlt sich nach langem Konzertentzug beim Auftritt von Giant Rooks wieder jung. Foto: Julia Wyrott

Meine Hände zittern, als wäre ich Kettenraucherin, die gerade einen 20-Stunden-Flug hinter sich gebracht hat. Ich scrolle und scrolle, bis ich sehe, was ich gesucht habe. Ausverkauft. Enttäuscht blicke ich auf die Winterjacke, die ich gerade aus dem Schrank befreit habe. Ein weiterer Sommer ohne Musik? Der Konzertentzug ist real.

Ich habe das Gefühl, den Sommer zu verpassen, wenn mich nicht das dumpfe Dröhnen des Basses in meinem Brustkorb aufweckt. First world problems, gewissermaßen aber anerzogen.

In meiner Heimatstadt fand jährlich das Tanz- und Folkfest statt. Das Festival trifft zwar nicht meinen Musikgeschmack, aber mit Freund*innen und Livemusik im Park auf Decken in die Nacht hineinzufeiern, das war jeden Sommer Programm. Deshalb gehören für mich Konzerte zum Sommer wie für manche die Butter unter Nutella. 

Ein Picknickkonzert als Corona-Lösung

Ich habe also meine Winterjacke in der Hand und weiß, ich brauche ein Konzert. Obwohl die Karten zum Picknickkonzert meiner Lieblingsband Giant Rooks ausverkauft sind, gebe ich nicht auf. Irgendjemand scheint meine Gebete zu hören, denn ein paar Tage später finde ich zwei Tickets auf eBay – und das in der dritten Reihe. 

Für das Picknickkonzert haben mein Freund und ich eine Decke und zwei Sektflaschen dabei. Bevor wir uns setzen, kaufen wir Merchandise von der Band: zwei T-Shirts und eine Vinyl-EP. Alles sauteuer, aber wir haben wegen Corona schließlich etwas aufzuholen.

Als es dann losgeht, fühle ich mich plötzlich wieder jung. Faktisch ergibt das keinen Sinn, schließlich bin ich erst 22. Doch Corona fordert seinen Tribut. Ich habe wie andere Studierende so viele Erwartungen in diesen Lebensabschnitt gesetzt, die nicht erfüllt wurden.

Also tanze ich auf meiner Decke und weiß genau, dass ich morgen einen höllischen Muskelkater haben werde. Doch das ist mir egal. Die Musik, die ich seit einigen Jahren nur über Kopfhörer gehört habe und nun live erleben kann, weckt in mir die Sportlerin.

Ein Autogramm, bitte?!

Letztendlich habe ich dann aber doch noch meinen Berlin-Moment. Wie viele andere warten wir nach dem Konzert auf ein Autogramm. Nach einiger Zeit ist außer uns nur noch ein weiteres Pärchen da: Runa und Lorenzo. Eine mürrisch aussehende Security raunt uns erschreckend freundlich zu, auf der anderen Seite der Bühne bessere Chancen zu haben. 

Gemeinsam mit Runa und Lorenzo – inzwischen gute Freunde – gehen wir also zu dem besagten Hintereingang. Durch einen Zaun können wir die Band sehen. Wir schlagen unsere Decken auf, picknicken, warten. Irgendwann wird mir kalt, also denke ich: Jetzt oder nie. Ich steige auf die Schultern meines Freundes und reiße die Vinyl-EP in die Höhe. Im VIP-Bereich erregt das Aufsehen.

Der Sänger von Giant Rooks, Fred, kommt auf uns zu. Ich habe Angst, für meine Peinlichkeit verurteilt zu werden, aber ich hätte ja meine Folkfest-Kindheit erwähnen können. Stattdessen erhalten wir Dankbarkeit für unser ausdauerndes Warten. Wir machen ein Foto, bekommen ein Autogramm und reden mit Fred über den Konzertentzug während Corona. Ich erzähle von meinem letzten echten Konzert. Das war kurz vor der Pandemie: Frühjahr 2020, Von Wegen Lisbeth, Berlin, Columbiahalle. Fred sagt, da war er auch.

Seit knapp zwei Jahren liegen Tickets für Giant Rooks in der Columbiahalle in meiner Schublade. April 2022 soll das Konzert dann endlich stattfinden. Wir machen jedenfalls mit Fred, Runa und Lorenzo aus, dass wir uns dort wiedersehen. Beim ersten richtigen Konzert nach Corona.


Das Konzert der Band Giant Rooks fand am 04. September 2021 im Rahmen der Picknickkonzerte statt.

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