FURIOS mit Ausrufezeichen

Sie kann passiv, offen oder impulsiv daherkommen. Sie wird verdrängt, geleugnet und vertuscht: Mit der eigenen Wut setzen sich die meisten nicht auseinander. Das Theaterstück FURIOS! am Heimathafen Neukölln widmet sich der unbeliebten Emotion. Constanze Baumann berichtet über einen schrillen Abend mit unserer Namensschwester.

Am Anfang dieses sehenswerten Theaterstücks beteuert das sechsköpfige Ensemble noch felsenfest, vollkommen wutresistent zu sein. So beginnt diese durch und durch furiose Aufführung alles andere als furios. Mina strebe als Waage immer nach Harmonie, Wera verspüre im Alter gar keine Wut mehr und Inka sei es komplett gleichgültig, dass ihr Sohn in der Schule Probleme macht. Auch für Adrienn, Artemis und Ingolf scheint Wut noch ein Fremdwort zu sein. Da ist es nur noch eine Frage der Zeit: Bei so viel verdrängter Wut braucht es nicht mehr viel, um die Fässer zum Überlaufen zu bringen.

Die Figuren aus Märchen und Mythologie, Freya, Aphrodite, Kali, Lilith und Frau Holle, machen ihrem Ärger hingegen gehörig Luft. In Monologen und Soloeinlagen schreien sie sich wortwörtlich ihren Frust aus der Seele. Warum wird Freya beispielsweise immer nur als trauernde, wehleidige Göttin dargestellt, die ihrem häufig abwesenden Mann goldene Tränen hinterher weint? Wo bleibt in den mythologischen Erzählungen, die sich um sie ranken, ihre Wut darüber? Lilith hat es währenddessen satt, immerzu als Babytöterin dämonisiert zu werden – und das nur, weil sie beim Sex mit Adam oben liegen wollte. Auch die Göttinnen sind letztlich nur Frauen mit menschlichen Gefühlen – und sie empfinden Wut.

Pathologisierung eines Gefühls

Doch weibliche Wut ist gesellschaftlich stark stigmatisiert und wird nur selten thematisiert. Frauen werden schnell als mad women, hormon-gesteuerte Furien oder keifende Weiber abgestempelt, sobald sie ihre Meinung äußern oder widersprechen. Kein Wunder, dass schon bald ein abgebrühter Seminarleiter auf der Bühne erscheint, der es sich zur Aufgabe macht, die „wahnsinnig gewordenen“ Göttinnen zu therapieren. Neben abgedroschenen Phrasen und Pseudotipps hat der Mansplainer jedoch nicht viel zu bieten. Auch Sigmund Freud hat einen Auftritt, in dem er die weibliche Wut als Hysterie pathologisiert und auf eine fehlende sexuelle Befriedigung schiebt.

Mit Unterstützung einer Live-Band bringen die sechs Schauspielenden, die abwechselnd sich selbst und eine der Göttinnen spielen, eine bunte und schrille Show auf die Bühne, die nur so vor Selbstironie strotzt. FURIOS! ist ohrenbetäubend laut und dann wieder ganz leise, lustig und gleichzeitig bedrückend. Der Regisseurin Réka Kincses ist der Spagat zwischen Witz und Ernsthaftigkeit perfekt gelungen. An einer Stelle findet sogar die FU Erwähnung. Die Theaterstudent*innen der Uni würden die Aufführung bestimmt nicht für gut befinden. Dafür sei die Show nicht politisch korrekt genug. Zum Beispiel werde die Göttin Kali nicht von einer Hinduistin verkörpert, was von den Student*innen wahrscheinlich als kulturelle Aneignung kritisiert werden würde.

„Gewalt ist die radikalste Form, sich nicht mit Wut auseinanderzusetzen.”

Beim Weihnachtsessen mit der Familie entlädt sich am Ende alles. Es kommt zum Eklat; die Wut triumphiert. Die Botschaft ist eindeutig: Wenn sich zu viele Emotionen aufstauen und wir nicht richtig miteinander kommunizieren, ist Chaos vorprogrammiert. FURIOS! lädt dazu ein, sich der eigenen Wut zu stellen und weiblichen Zorn endlich ernst zu nehmen.

Am Ende stehen alle auf der Bühne, singen und feiern die Wut. Sie unterdrücken sie nicht mehr, wollen sie nicht mehr verstecken, sondern tragen sie offen nach außen. Ein kathartischer Moment – auch für das Publikum. Schade ist nur, dass unter den Zuschauenden mehrheitlich Frauen waren.

Zum gleichen Thema, erschienen in unserem letzten Heft Wut: eine explosive Emotion: Wut – eine Emotion der Privilegierten?

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