„Am Ende entscheidet das Präsidium“

Andrea Bör übernimmt am 1. Juli ihre Position als neue FU-Kanzlerin. Vor Amtsantritt sprach sie mit Alexandra Brzozowski und David Rouhani über ihren Werdegang, ihre Positionen und ihre künftige Rolle in der Hochschulpolitik.

Andrea Bör im Gespräch. Foto: Alexandra Brzozowski

Die neue FU-Kanzlerin beim Gespräch im Botanischen Garten. Foto: Alexandra Brzozowski

Andrea Bör, 45, wechselt aus dem beschaulichen Passau als Nachfolgerin für den langjährigen Kanzler Peter Lange in die Hauptstadt. Die promovierte Ingenieurin musste sich während ihrer Laufbahn immer wieder in Männerdomänen behaupten. FURIOS traf sie zum Gespräch.

FURIOS: Frau Bör, bevor Sie zu uns an die FU kamen, waren Sie fünf Jahre lang Kanzlerin der Universität Passau. Ihr akademischer Werdegang begann mit dem Studium der Elektrotechnik an der TU München. Warum?

Andrea Bör: Diese Frage habe ich mir auch schon öfter gestellt (lacht). In der Familie gab es einige Politiker. Mein Großvater war bayerischer Bildungsminister und mein Onkel Landtagsabgeordneter. Aber mir hat in der Schule Mathe am meisten Spaß gemacht. Außerdem war es mir wichtig, mit dem gelernten Beruf Geld verdienen zu können. Dass es dann ganz anders kommt und ich mal Kanzlerin an der Freien Universität Berlin werden würde, hätte ich nicht gedacht.

Und trotzdem hat es Sie später in die Hochschulpolitik verschlagen. Wie kam es dazu?

Ich habe mich schon als Studentin engagiert. Unter anderem war ich zwei Jahre Vorsitzende der Münchener Gruppe der IEEE Student Branch, einem internationalen Verband von Elektroingenieuren. Während meiner Zeit als Assistentin am Lehrstuhl war ich im Fachbereichsrat aktiv und habe mich vor allem für den Auf- und Ausbau universitärer Betreuungseinrichtungen für Kinder eingesetzt – auch, weil ich zu dem Zeitpunkt schon vier eigene Kinder hatte. Diese Aufgaben haben mir Spaß gemacht und so ging es dann die Stufen hinauf.

Sie waren die erste weibliche Kanzlerin an der Uni Passau. Nun sind Sie auch die erste Frau in diesem Amt an der FU. Sind Sie eine Einzelkämpferin in einer Männerdomäne?

Das war bereits in meinem Studium so. Unter den 600 Erstsemestern waren gerade einmal 20 Frauen. Wir hatten immer eine gewisse Außenseiterrolle. Man lernt eben, damit umzugehen. Davon habe ich später profitiert. In Passau war ich überhaupt die erste Frau in der Universitätsleitung. Ich freue mich, dass es an der Freien Universität bereits viele Mitstreiterinnen gibt.

Haben Sie das Gefühl, anders behandelt zu werden als Ihre männlichen Kollegen?

Das glaube ich nicht. Jedoch spürt man manchmal eine gewisse Unsicherheit, wenn zuvor keine Frau in einer Gruppe war. Da verändern sich dann natürlich etablierte Verhaltensweisen. Und beim Feierabendbier war ich früher meistens nicht dabei – ich hatte ja schon im sechsten Semester mein erstes Kind bekommen.

Mussten Sie mehr dafür kämpfen als die Männer in ihrem Umfeld, um sich durchzusetzen?

Ja, um als Frau positiv wahrgenommen zu werden, muss man besser sein. Rollenklischees versuchte ich schon früh zu vermeiden, bereits am Lehrstuhl, an dem ich arbeitete. Das fängt schon mit Alltäglichkeiten an, wie zum Beispiel der Frage, wer kocht immer den Kaffee oder wer ist für den Küchendienst im Team verantwortlich.

Nun haben Sie sich durchgesetzt und sind bei uns an der FU gelandet. Warum? Und was reizt Sie an Berlin?

Zum einen ist Berlin eine tolle Stadt. Zum anderen ist die Freie Universität eine spannende Hochschule, da sie ein breites Fächerspektrum hat – an der Uni Passau gibt es nur vier Fakultäten. Die Zahl der Studierenden ist hier in Berlin dreimal so groß. Und nicht zuletzt ist sie schon seit 2007 als Exzellenzuniversität ausgezeichnet. Ich vergleiche das gerne mit dem Fußball: Die Freie Universität spielt in der Champions League.

Sie wechseln aus dem beschaulichen Passau an die große FU. Hand aufs Herz: Haben Sie ein wenig Bammel? Und was denken Sie, erwartet Sie bei uns?

Das politische Leben ist hier sicherlich anders als in Passau und ich bin gespannt, wie es hier abläuft. Politik war zwar nicht mein Studienfach, aber ist doch ein Hobby und ich freue mich auf den politischen Diskurs. Die Größenverhältnisse mögen sich zwar unterscheiden, aber die Aufgaben bleiben ähnlich. Der Verantwortungsbereich der Kanzlerin umfasst Personal, Finanzen und Gebäude. Der Unterschied liegt in den Dimensionen: Die Uni Passau hat 20 Gebäude – hier sind es mehr als zehnmal so viele. Dafür unterstützt mich hier jedoch ein größerer Stab an Mitarbeitern. Durch die Jahre in Passau fühle ich mich aber gut auf meine neue Aufgabe vorbereitet.

Welche Themen liegen Ihnen denn besonders am Herzen?

Mir liegt am Herzen, dass die Freie Universität für Studierende und Mitarbeiter ein wichtiger Lebensmittelpunkt bleibt und sie gerne an der Universität studieren und arbeiten. Dazu gehören auch familienfreundliche Strukturen. In Passau habe ich mich außerdem mit Nachhaltigkeit beschäftigt, also Energieeffizienz und dem sparsamen Umgang mit Ressourcen auf dem Campus.

Bei uns spielt aktuell der Zugang von Geflüchteten an die Uni eine große Rolle. Von studentischer Seite gab es viele Verbesserungswünsche und teils heftigen Protest. Wie stehen Sie dazu?

Es gibt bereits ein gutes Programm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und auch das „Welcome@FU“-Programm an der FU. Die Uni sollte das tun, was sie am besten kann, sich vor allem universitären Aufgaben widmen, das heißt, die Geflüchteten auf ein Studium vorbereiten. Dazu kann man schauen, inwiefern das Engagement von Universitätsangehörigen, also auch Studierenden, zusätzlich noch unterstützt werden kann. Die zentrale Aufgabe der Uni besteht darin, Menschen zu helfen, die studierfähig sind oder sie darauf vorzubereiten und nicht, zusätzliche Sozialleistungen zu erbringen.

Bleiben wir beim akademischen Aspekt. Auch hier wurde kritisiert: Zu wenige Plätze für Sprachkurse, zu strenge Auflagen, zu lange Wartezeiten, vor allem im Vergleich zur TU, die da schon deutlich weiter ist. Wären Sie bereit, das an der FU zu ändern?

Was genau man tun könnte, kann ich derzeit schlecht beurteilen, ohne die Einzelheiten zu kennen. Das hängt auch von den Kapazitäten ab. Solche Programme erfordern Geld, Raum und Lehrkräfte. Die Uni möchte die Kurse auf universitärem Niveau anbieten. Da ist es womöglich auch schwierig, entsprechende Lehrkräfte zu bekommen.

Apropos Kapazitäten: Könnte man da nicht stärker mit dem Land Berlin kooperieren?

Es handelt sich um ein gesellschaftliches Thema, da müssen alle zusammenarbeiten. Lassen Sie uns da gemeinsam Lösungen suchen. Die Studierenden sind näher dran und haben Ideen, teilen Sie mir diese auch bitte mit – sie müssen bloß realisierbar sein.

Zusammenarbeit ist ein gutes Thema. Die FU hat nicht gerade den Ruf, besonders offen für studentische Partizipation zu sein. Im Vergleich zu anderen Unis gibt es eher geringe Partizipationsmöglichkeiten. Die Fronten zwischen Präsidium und Studierendenvertretern sind verhärtet. Wie wollen Sie damit umgehen?

Ich habe mich selbst immer sehr für studentische Belange eingesetzt. Mir ist wichtig, dass man sich regelmäßig zusammensetzt. In welcher Konstellation und wie oft, muss man sehen. Ich hoffe, dass diese Verhärtungen nicht so schlimm sind, dass man sie nicht aufbrechen kann. Natürlich ist man nicht immer einer Meinung, aber durch einen Dialog sehe ich gute Chancen, gemeinsame Lösungen zu finden. An mir soll es nicht scheitern. Die Universität wird selbstverständlich auch durch die Studierenden definiert, deshalb muss man miteinander reden. Aber die letzte Entscheidung, nach Abwägung aller Argumente, kann nur dem Präsidium vorbehalten bleiben.

Eine Frage zum Abschluss: Worauf freuen Sie sich in Berlin?

Ich möchte die Stadt besser kennenlernen und auch das Umland, zum Beispiel beim Segeln auf den vielen Seen. In die Politik möchte ich auch ein bisschen hineinschnuppern, aber vor allem interessiert mich das Berliner Flair. Vielleicht lerne ich ja auch ein wenig den Dialekt.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2010

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