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Von Pionierarbeit und Algebra

100 Jahre sind seit der Habilitation Emmy Noethers vergangen. Bis heute ist Sexismus in der Wissenschaft ein Problem, schreibt Julia Hubernagel.

Emmy Noether. Quelle: Wikipedia

Weniger als ein Drittel betrug der Frauenanteil an Habilitationen an deutschen Hochschulen im Jahr 2017. Kaum überraschend: Im mathematischen und naturwissenschaftlichen Bereich waren es sogar nur 20 Prozent. Dass Frauen in Deutschland überhaupt promovieren dürfen, haben sie unter anderem einer jüdischen Mathematikerin aus Erlangen zu verdanken.

Emmy Noether, Jahrgang 1882, tat sich schon früh auf dem Gebiet der modernen Algebra hervor. Als sie dem Ruf an die Universität Göttingen folgte, waren ihre mathematischen Errungenschaften bereits weitreichend anerkannt. Eine Habilitation der jungen Noether schien also folgerichtig. Doch Noether und ihre Unterstützer*innen hatten die Rechnung ohne den Staat Preußen gemacht. Privatdozenten konnten im Kaiserreich nämlich nur männliche Wissenschaftler werden.

Drei Versuche bis zum Erfolg

Obwohl die Universität Göttingen einen Antrag an den preußischen Minister richtete und beteuerte, sie sei der Meinung, dass „ein weiblicher Kopf nur ganz ausnahmsweise in der Mathematik schöpferisch tätig sein“ könne, war das preußische Ministerium nicht gewillt, mit Noether einen Präzedenzfall zu schaffen, erklärt Cordula Tollmien. „Es brauchte drei Anläufe und einen politischen Systemwechsel, bis ihr Antrag auf Habilitation im Mai 1919 positiv entschieden und sie die erste Privatdozentin Preußens wurde“, so die Göttinger Historikerin, die auch Mathematik und Physik studiert hat.

Tollmien ist eine der Vortragenden auf der Noetherkonferenz, organisiert vom Exzellenzcluster MATH+, dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und der Zentralen Frauenbeauftragten der FU. Dabei geht es nicht nur Emmy Noethers Verdienste um die Mathematik und die allgemeine Relativitätstheorie. Die Literaturwissenschaftlerin Anita Traninger, die sich sonst wenig mit mathematischen Sachverhalten beschäftigt, kann dafür umso mehr aus dem Gender-Fachgebiet beisteuern. Anhand einer kleinen Historiographie des deutschen Privatdozenten macht sie die Frau als „Feindin der Wissenschaft“ aus. „Bei den überaus prekär beschäftigten Privatdozenten war ein zölibatäres Leben gern gesehen“, erklärt Traninger. Der Frau stand man somit doppelt feindselig gegenüber: Als Ehefrau lenke sie den eifrigen Privatdozenten von seiner Berufung ab, als Privatdozentin gar könne sie ihrer Pflicht an Heim und Herd nicht nachkommen.

Argumentationen drehen sich im Kreis

Die Entscheidung, Frauen zur Habilitation zuzulassen, scheiterte daher oft an gängigen Strukturen. „Letztlich lehnte man es ab, da man nicht auf Erfahrungswerte zurückgreifen konnte“, so Noether-Expertin Tollmien über die Einstellung des preußischen Ministeriums. Da Frauen noch nie als Privatdozentinnen tätig waren, konnte man also nicht voraussagen, ob sie dafür geistig überhaupt befähigt wären. „Ich finde es schockierend, diese Argumentationsschleifen zu sehen, auf die wir heute ja immer noch treffen“, meint Mechthild Koreuber, die es wissen muss. Die Mathematikerin hat eben ihre sechste Amtszeit als Frauenbeauftragte an der FU angetreten und möchte langfristig strukturelle Ungleichheiten aufheben.

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