Das Erbe der Anti-68er

Als Freiheitsbewegung sind die Studierendenproteste in die Geschichte der Bundesrepublik eingegangen. Doch an ihren Ausgangspunkten, den Hochschulen Berlins, wurde die Übermacht der Professor*innen zementiert. Und sie lebt bis heute. Ein Kommentar von Victor Osterloh.

Man hat immer eine Wahl. Illustration: Manon Scharstein

Anlässlich des fünfzigsten Jahrestages der 68er-Bewegung im vergangenen Jahr sprach man hierzulande viel über Demokratie und Universität. Doch wirklich demokratisch und egalitär ging es an deutschen Universitäten noch nie zu, weder vor noch nach den Studierendenunruhen. Auch nicht an der sich so gern als politisiert rühmenden FU.

Dass die Studierenden nichts zu sagen haben, scheint allerdings niemanden so wirklich zu stören – nicht mal sie selbst. Ganze 2,7% aller Studierenden beteiligten sich an der letzten Wahl des Akademischen Senates (AS), dem wichtigsten politischen Gremium an der Uni. Wird die Professor*innenschaft doch mal auf das Thema Mitbestimmung angesprochen, reagiert sie verschnupft und kommt ins Schwimmen. Immerhin konsequenter ist die »Vereinte Mitte«. Als größte Fraktion an der FU kontrolliert sie neun der 13 Sitze für Professor*innen und ihre Ablehnung gegenüber studentischer Mitbestimmung hat sie sich gleich ins Programm geschrieben. Punkt sieben deklariert: »Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer besitzen gegenwärtig in allen Gremien der Freien Universität die ausschlaggebende Mehrheit. Die Vereinte Mitte tritt entschieden allen Versuchen entgegen, diese bewährten Entscheidungsstrukturen, etwa durch Einführung der ›Viertelparität‹, in Frage zu stellen.« Das klingt hart, ist aber zumindest ehrlich.

Denn das absolute Gros der Professor*innen will nicht einmal über die Stimmengleichheit der vier Statusgruppen reden. Es sei unpraktisch, die Studierenden, »sonstige« Mitarbeitende und wissenschaftliche Mitarbeitende nach dem Prinzip der Viertelparität mit den Professor*innen gleich zu stellen. Gar nicht möglich sei das, so wird man nicht müde zu betonen, denn es ist sogar in Teilen verfassungswidrig. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1973 bedrohen Entscheidungen zu Forschung und Lehre gegen die Stimmen der Professor*innen die Freiheit der Wissenschaft, weshalb diese bis heute in den wichtigsten Gremien der Universitäten eine absolute Mehrheit besitzen. So will es das Gerichtsurteil.

Diese Entscheidung ist das Erbe der restaurativen Nachwehen der Adenauerzeit. Die im Zuge der Studierendenbewegung der 68er eingeleiteten Bestrebungen für demokratische Hochschulen trafen damals auf ein Klima der Verfolgung und des Misstrauens gegenüber allem Linken und Basisdemokratischen. Dazu kamen in den 70er Jahren die staatlichen Repressionen im Kampf gegen die RAF. Der Spiegel titelte nach dem Urteilsspruch, die Entscheidung sei eine »Glänzende Bestätigung«, denn auch die Journalist*innen sorgten sich vor allem um die »Chaoten von Linksaußen«.

Das alles scheint lange her. Aber Recht lebt lange und auch heute sind die Argumente gegen paritätisch organisierte Universitäten nicht so unterschiedlich. Früher war es die Angst vor dem Kommunismus. Heute gelten der Wettbewerb der Hochschulen, die breite Fächerlandschaft und der hohe Grad an Drittmittelfinanzierung als Argumente gegen mehr Demokratie: zu kompliziert, es steht zu viel auf dem Spiel. Man fürchtet sich vor Chaos im Unialltag. Davor, dass jede*r, der*die will, Einfluss nehmen kann auf die Geschicke der Universität. Alles in allem also ein einziges großes »Wo kommen wir denn da hin?!« (mit einem in den 60ern hinzufügend geflüsterten: »Dann ist Polen aber offen.«)

Dahinter steht ein Verständnis von Universität, das autoritär ist. Es geht nicht darum, dass man die Studierenden für inkompetent hält. Im Gegenteil, man fürchtet den Verlust der Kontrolle über die Universität. Denn schließlich geht es hier um Macht, um Einfluss, um ökonomische und politische Interessen; und ja, auch um Karriere. Der Ordinarius, er hat bis heute die Universität stets fest im Griff und es gibt auf dieser Seite des Vorlesungssaals kaum jemanden, der das ändern möchte.

Bis heute ist die Hochschulorganisation tief von jenem restaurativen Geist der Anti-68er Bewegung durchdrungen. Die »Ordinarienuniversität« mag an der FU 1969 abgeschafft worden sein. Nach Rudi Dutschke mag ein Weg benannt worden sein. Die ganze Welt mag sich an die Freiheitsbewegung erinnern, welche die 68er in Berlin lostraten. Aber langfristig ist in Dahlem etwas Anderes geblieben. Es ist die größte Errungenschaft der Anti-68er: Die Professor*innen bleiben die alleinig entscheidende Kraft und die Universität bleibt ein unwirtlicher Ort für wirklich demokratische Veränderungen.

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