Studentische Vollversammlung: Fortsetzung folgt

In einer Onlinesitzung tauschten sich Studierende über die Schwierigkeiten des digitalen Studiums aus. Das Plenum solidarisierte sich mit Arbeitskämpfen an der FU sowie der Kampagne DW Enteignen und beschloss eine zweite Vollversammlung noch diesen Monat. Kira Welker berichtet.

Je größer ein Begriff dargestellt wird, desto mehr Menschen haben ihn in der Spontanumfrage angegeben – negative Gefühle überwiegen bei den Studierenden angesichts des nächsten Onlinesemesters. Screenshot: FURIOS.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Einen Großteil der studentischen Vollversammlung nahm eine Bestandsaufnahme der Herausforderungen von Studium und Studienfinanzierung während der Pandemie ein.
  • Anschließend wurde eilig über alle eingebrachten Resolutionen abgestimmt, die ausnahmslos angenommen wurden. Darin solidarisiert sich das Plenum unter anderem mit der Kampagne Deutsche Wohnen & Co. Enteignen und stellt ambitionierte Forderungen, wie etwa bedingungsloses Bafög für alle, auf.
  • Vertreter*innen der FU-Personalräte berichteten von ihren Arbeitskämpfen und freuten sich über eine Solidarisierung der Studierenden mit den Forderungen der Beschäftigten.
  • Der zweite Teil der geplanten Tagesordnung musste aus Zeitgründen ausfallen. Um ihn nachzuholen, wurde die Einberufung einer weiteren Vollversammlung in den nächsten drei Wochen beschlossen.

Alleingelassen, überfordert und erschöpft – so beschrieben die Anwesenden auf der ersten studentischen Online-Vollversammlung diesen Mittwoch ihre Gefühle angesichts eines dritten Semesters reiner Onlinelehre. Die Mischung aus Zusatzbelastung und Vereinzelung hatte auch das Studierendenparlament (Stupa) in der Resolution beschrieben, die die Einberufung der Vollversammlung (VV) forderte. Dem wolle man die Möglichkeit zum Austausch und gemeinsame Handlungsperspektiven entgegensetzen, hieß es in der Einladung des Vollversammlungkommitees. Dafür kamen zu Beginn immerhin fast 300 Studierende im Webex-Meeting zusammen.

Nach zwei Onlinesemestern: Kein Geld, kaum kritische Debatte, weniger Barrieren

Nach einer Begrüßung und einigen Grußworten boten die ersten beiden Tagesordnungspunkte „Onlinestudium” und „Studienfinanzierung” Raum für eine Bestandsaufnahme zur Lage der Studierenden. In einem langen Plenumsgespräch berichteten Anwesende von einem höheren Arbeitspensum in Lehrveranstaltungen bei gleichzeitig gestiegener psychischer Belastung durch Vereinzelung, fehlenden Ausgleich und zusätzliche Verantwortung. Dozierende seien teilweise per Mail nicht erreichbar und würden die veränderte Lehrsituation ausnutzen, um kritisches Nachfragen zu erschweren. Neben dem Austausch mit Kommiliton*innen fehlen vor allem die ruhigen Arbeitsplätze in den Bibliotheken – zuhause kämpft eine große Mehrheit der Studierenden mit Konzentrationsproblemen. Dazu kommen für viele Studierende finanzielle Sorgen durch weggefallene Nebenjobs und bürokratische Hürden, die die Beantragung von Bafög oder Soforthilfen erschweren. Teilnehmer*innen wiesen sich dabei gegenseitig auf die Hilfsangebote der psychologischen Beratung der FU sowie der Sozial- und Bafögberatung des Astas hin.

Eine etwas andere Perspektive ergänzte eine Studierende, die die Onlinelehre als große Entlastung für Studierende mit chronischen und psychischen Erkrankungen beschrieb. Für sie werde der Weg zur und durch die Uni manchmal zu viel, während digitale Veranstaltungen eine barrierearme Teilnahme erlaubten. Dieser Einwand fand viel Zuspruch, wurde jedoch auch Forderungen nach einer barrierefreieren Gestaltung des Präsenzstudiums durch beispielsweise wirksamere Nachteilsausgleiche gegenübergestellt.

Außerdem sprachen zwei studentische Initiativen, die ihre Arbeit während der Pandemie sichtbar machen wollten. So berichtete eine Aktivistin von #nichtnuronline von ihren Forderungen nach (vernünftigen) Öffnungsperspektiven für die Hochschulen und äußerte ihre Sorge, dass sich digitale Lehre „auch zukünftig unter der Hand einschleicht”, was sie als eine beschleunigte Neoliberalisierung der Unis beschrieb. Eine Vertreterin der Initiative intersektionales Lehramt beschrieb die eigene Vernetzung, um sexistischen und rassistischen Diskriminierungserfahrungen im Onlinestudium gemeinsam zu begegnen und eine intersektionale, machtkritische Ausrichtung der Lehramtsausbildung zu fordern. Im Block zur Studienfinanzierung ging es zudem um das Volksbegehren Deutsche Wohnen & Co. Enteignen, da gerade die weiterhin fälligen, hohen Mieten eine massive finanzielle Belastung für Studierende bedeuteten.

(Ein ausführliches Protokoll des Gesprächs ist hier zu finden.)

Plenum fordert Antidiskriminierung, Bafög für alle und Enteignungen

Nachdem der ausführliche Austausch zu Studienbedingungen deutlich länger lief als geplant, wurde eine eilige Abstimmung über die zu diesem Block eingebrachten Resolutionen eingeleitet. Zu Beginn der Abstimmungsphase war mit ca. 140 Teilnehmer*innen allerdings nur noch weniger als die Hälfte der anfänglich anwesenden Studierenden übrig geblieben. Zur Lage der Studierenden während der Pandemie und darüber hinaus beschloss das Plenum jeweils nach kurzer Diskussion:

  • eine Resolution, die auch in Zukunft parallel zur Präsenzlehre die Fortsetzung von Online-Veranstaltungen fordert, um Barrieren für Studierende mit Be_hinderung und psychischen/chronischen Krankheiten abzubauen
  • eine Resolution der Initiative intersektionales Lehramt, die diskriminierungssensible Lehre an der FU fordert und das Präsidium zu mehr aktiver Antidiskriminierungsarbeit aufruft
  • eine Resolution von Klasse gegen Klasse Campus und den Marxistischen Studierenden, die nicht nur bedingungsloses Bafög für alle, eine sichere Öffnung der Bibliotheken und eine basisdemokratische Uni einfordert, sondern auch gesellschaftliche Forderungen nach einem konsequenten Wirtschaftslockdown und der Verstaatlichung aller Krankenhäuser und der Impfstoffproduktion aufstellt
  • eine Resolution, das Volksbegehren Deutsche Wohnen & Co. Enteignen zu unterstützen und alle Studierenden und Mitarbeiter*innen der FU zur Beteiligung aufzurufen, die durch einen ebenfalls angenommenen Änderungsantrag von Klasse gegen Klasse Campus ergänzt wurde, laut dem die Enteignung der Wohnungskonzerne entschädigungslos ablaufen solle

(Der genaue Wortlaut und die Abstimmungsergebnisse für alle beschlossenen Resolutionen können hier nachgelesen werden.)

Schulterschluss mit den Beschäftigten

Die Vernetzung mit den Beschäftigten der FU, die bereits in der Stupa-Resolution zur Einberufung der VV auftauchte, wurde mit dem nächsten Tagesordnungspunkt „Arbeitsbedingungen an der FU” aufgegriffen. So betonte eine eingeladene Vertreterin des Personalrats Dahlem und der Initiative FU:fair&unbefristet, wie wichtig eine Zusammenarbeit von Studierenden und Beschäftigten sei, um eine bessere Uni für alle Statusgruppen zu erkämpfen, und bedankte sich für die studentische Unterstützung von Personalkämpfen im akademischen Mittelbau.

Anschließend sprachen Vertreter des Personalrats des Botanischen Gartens, der im Rahmen der Novellierung des Berliner Hochschulgesetzes von der Auflösung bedroht ist. Man fasse dies als Reaktion der Unileitung auf erfolgreich geführte Arbeitskämpfe der vergangenen Jahre auf, so die eingeladenen Referenten. Eine dazu eingebrachte Resolution, die eine Erhaltung der Dienststelleneigenschaft des Botanischen Gartens und damit des eigenen Personalrats fordert, wurde mit großer Mehrheit angenommen.

In einer weiteren, ebenfalls von Klasse gegen Klasse Campus eingebrachten Resolution, schloss sich die Vollversammlung den Forderungen der FU-Personalräte nach Coronaprämien und Home-Office-Ausstattung für alle Beschäftigten, mehr unbefristeten Verträgen und einer Umwandlung outgesourcter Stellen in Tarifvertragsverhältnisse an. Auch mit den durch die Pandemie in den Fokus geratenen Kämpfen der Krankenhausbeschäftigten solidarisierte sich das Plenum.

Wenn es am schönsten ist, soll man… weitermachen?

Da das für 20 Uhr geplante Ende der Versammlung an diesem Punkt schon um fast eine Stunde überschritten war, wurde das geplante Thema studentische Mitbestimmung nicht mehr aufgegriffen. Um einen Austausch dazu dennoch zu ermöglichen, beschlossen die nach fast vier Stunden verbliebenen 70 Teilnehmer*innen die Einberufung einer weiteren VV noch diesen Monat. Damit gibt sich die Studierendenschaft zudem eine zweite Chance für das erhoffte Gefühl kollektiver Handlungsmacht. Denn auch der finale Tagesordnungspunkt „Wie weiter?” wurde vorerst vertagt.

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