Offenes Rennen um die Präsidentschaft

Das Rennen um die Präsident*innenschaft der FU zwischen Amtsinhaber Günter Ziegler und seiner Herausforderin Beatrix Busse ist so offen wie lange nicht. Neben großen Visionen für die Zukunft der FU geht es erst einmal darum, wer das angeschlagene Vertrauen innerhalb der Universitätsleitung wiederherstellen kann. Valentin Petri zu den Hintergründen.

Der Audimax im Henry-Ford-Bau: Hier wird am 16.02. ab 14 Uhr der*die neue FU-Präsident*in gewählt. Foto: Julian von Bülow

Auch wenn man es nicht merkt: An der FU ist Wahlkampf. Dabei geht es um das höchste und wahrscheinlich einflussreichste Amt an der Universität: Den oder die Präsident*in.

Am 16.02 entscheiden die 61 Mitglieder des erweiterten Akademischen Senats (eAS) darüber, ob Amtsinhaber Günter Ziegler eine zweite Amtszeit antreten kann oder von der aktuellen Kölner Prorektorin Beatrix Busse abgelöst wird.

Das Rennen ist dabei so offen wie lange nicht. Kaum jemand traut sich eine Prognose zu. Das allein ist schon ein entscheidender Unterschied zu den vergangenen Präsident*innenwahlen. Ziegler und sein Vorgänger Peter-André Alt galten bei ihren jeweiligen Wahlen, bereits als klare Favoriten.

Wie funktioniert die Wahl?
Der oder die Universitätspräsident*in wird mit absoluter Mehrheit vom erweiterten Akademischen Senat (eAS) gewählt. Dem 61-köpfigen Gremium gehören zum einen die 25 Mitglieder des Akademischen Senats (AS) und zum anderen 26 weitere Mitglieder an, die für zwei Jahre von allen Universitätsmitgliedern gewählt werden. Wie bei fast allen Unigremien ist dabei die Unterteilung in vier Statusgruppen wichtig: Die Professor*innen stellen mit 31 Mandaten im eAS eine absolute Mehrheit, die Wissenschaftlichen Mitarbeitenden, Wissenschaftsunterstützenden Mitarbeitenden und die Studierenden haben jeweils zehn Mandate. Um die Sitze im eAS bewerben sich meist mehrere Wahllisten pro Statusgruppe, so dass im eAS insgesamt mehr als ein Dutzend verschiedene Listen vertreten sind. Die Professor*innenlisten Vereinte Mitte ist mit 18 Mandaten die mit Abstand größte Liste im eAS, darauf folgen die beiden kleineren Professor*innenlisten, der Dienstagskreis mit neun und die Liberale Aktion mit drei Mandaten.

Die Ausgangslage

Dass das Rennen so offen ist, hängt in erster Linie damit zusammen, dass Ziegler politisch angeschlagen ist. Das öffentliche Image der FU hat in den letzten Monaten massiv gelitten: die Plagiatsaffäre um die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey, eine IT-Panne und schließlich die Affäre um die heimliche Beauftragung einer Personalagentur durch die FU-Kanzlerin Andrea Bör, mit der Ziegler im offenen Zwist liegt. Unabhängig davon, ob Ziegler nun tatsächlich die Schuld für all diese Pannen trifft, färben sie dennoch auf ihn ab.

Hinzu kommt der Umstand, dass Zieglers eigene Wahlliste, die ihn 2018 als Präsidentschaftskandidat aufgestellt hatte, die Vereinte Mitte, sich gegen ihn gewendet haben soll. Die Vereinte Mitte ist die mit Abstand größte Liste von Vertreter*innen der Professor*innenschaft im AS sowie im eAS, der am Mittwoch über die Wahl entscheidet. Alle Präsidenten seit 2003 gehörten dieser Liste an. In der Vergangenheit wurde sie deshalb häufig auch als „Präsidentenwahlverein“ bezeichnet.

Im Laufe von Zieglers Amtszeit hat die Vereinte Mitte ihm wohl die Unterstützung entzogen. Wie immer wieder zu hören ist, wird Ziegler vorgeworfen, sich in den Verhandlungen um die umstrittene Novelle des Berliner Hochschulgesetzes nicht offensiv genug für die Belange der Universität eingesetzt und auch an anderer Stelle zu führungsschwach agiert zu haben. Entscheidend ist auch Zieglers Zerwürfnis mit FU-Kanzlerin Bör, das die Vereinte Mitte eher ersterem anlastet. Generell besteht der Eindruck, dass die Rolle der Kanzlerin in der Vereinten Mitte weniger problematisch gesehen wird als bei anderen Listen und Statusgruppen im AS, die Bör inzwischen das Vertrauen entzogen haben. Wie der Tagesspiegel seinerzeit berichtete, sollen es sogar Mitglieder der Vereinten Mitte gewesen sein, die Bör zu der Beauftragung der externen Personalagentur angestiftet hatten.

Die Erwartung: „Ruhe in den Laden bringen”

Angesichts der Konflikte und Probleme an der FU besteht die Erwartung an den oder die kommende Universitätspräsident*in darin, zunächst einmal – wie es ein studentisches AS-Mitglied formuliert – „Ruhe in den Laden“ zu bringen. Hier spricht sicher einiges für Busse als externe Kandidatin, die ohne Vorbelastungen mit der Kanzlerin zusammenarbeiten könnte und von universitätsinternen Konflikten unbelastet ist. In den letzten Monaten ist auch öffentlich immer deutlicher geworden, dass an eine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Ziegler und Bör eigentlich nicht zu denken ist. In dieser Hinsicht gibt sich Ziegler auch selbstkritisch und räumt eigene Fehler ein. So gibt er in einer ersten Vorstellungsrunde vor dem AS im Dezember zu, er habe „zu lange versucht, Dinge zu moderieren“. In Zukunft wolle er „ehrlicher und früher reagieren“ und wenn nötig „die Reißleine ziehen“.

Ein entscheidender Erfolg, den Ziegler aus seiner Amtszeit vorweisen kann, ist die erfolgreiche Anwerbung von Bundesmitteln im Rahmen der Exzellenzstrategie, an der er entscheidend beteiligt gewesen sein soll. Für Ziegler spricht sicher auch weiterhin sein exzellenter wissenschaftlicher Ruf. Extern tue er der Universität gut, meint Reinhard Bernbeck, Professor für Vorderasiatische Archäologie und Sprecher der Professor*innenliste Dienstagskreis, intern dagegen bestünde viel Verbesserungsbedarf.

Tatsächlich steht die FU strukturell vor einigen Herausforderungen: In der Verwaltung gibt es aufgrund vieler Kündigungen einen gewaltigen Rückstau an Arbeit. Für die Lehrkräfteausbildung fehlt es an Personal und ausreichend Kapazitäten. Bei der Lehrkräftebildung kann Busse wiederum punkten und als Mitbegründerin der Heidelberg School of Education in diesem Bereich einiges an Erfahrung vorweisen. Hier wisse sie, was sie wolle, meint Bernbeck. Beim Thema Internationalisierung hingegen sei sie nicht überzeugend.

In der öffentlichen Vorstellungsrunde und auch in Gesprächen sind viele AS-Mitglieder gegenüber den beiden Kandidierenden sichtlich um Fairness bemüht. Doch alles in allem ist deutlich, dass die Auswahl keine Begeisterungsstürme auslöst.

Für Ziegler zuletzt stabilisierende Dynamik

Mit einiger Vorsicht lässt sich aktuell eine für Ziegler eher stabilisierende Dynamik ausmachen. Die breite öffentliche Kritik an Bör in den letzten Monaten hat den Graben mit der Vereinten Mitte zwar wohl noch vertieft, ihm bei den anderen Listen aber Anerkennung verschafft. Bislang hat sich nur die studentische Liste ONCE, die zwei Wahlleute stellt, öffentlich für Ziegler positioniert, generell zeichnet sich bei studentischen Vertreter*innen aber eine Präferenz für Ziegler ab. Auch bei den Wissenschaftlichen sowie den Sonstigen Mitarbeitenden tendieren wohl einige in diese Richtung. 

Im Gegenzug ist zu hören, dass Busse viele Unterstützer*innen bei der Vereinten Mitte hat, die ein knappes Drittel der Mitglieder im Wahlgremium stellt. Dabei ist die Situation auch für sie nicht einfach. Als externe Kandidatin an eine zerstrittene Universität zu kommen bringt die Gefahr mit sich, in bestehende Konflikte hineingezogen zu werden. Wird Busse zu sehr als ‘Kandidatin der Vereinten Mitte’ gesehen, könnte das die Mitglieder anderer Listen, die das Agieren der Vereinten Mitte gegen Ziegler kritisch sehen, abschrecken. Es steht zu vermuten, dass sich Busse auch deshalb nicht öffentlich zum Wahlkampf äußern will.

Positionierung zur umstrittenen Kanzlerin entscheidend

Die Positionierung zur Kanzlerin dürfte für viele im Wahlgremium eine entscheidende Frage sein, an der sie die beiden Kandidierenden messen. Bör ist für die meisten Listen und AS-Mitglieder als Kanzlerin nicht mehr tragbar. Das ist in den vergangenen AS-Sitzungen deutlich geworden. Busse hat sich bislang nicht öffentlich zur Kanzlerin positioniert. Hier könnte Ziegler also auf einige Stimmen hoffen, für den Fall, dass Busse intern signalisiert hat, dass sie eine weitere Zusammenarbeit mit Bör anstrebt.

Insgesamt ist es jedoch sehr schwierig eine Prognose zu treffen. Die Listen im eAS sind vor allem Netzwerke und Interessensgemeinschaften und nicht mit wirklichen Parlamentsfraktionen vergleichbar. Entsprechend gering könnte bei den Wahlen auch die „Listendisziplin“ ausfallen. Im Gegensatz zur Präsident*innenwahl an der TU haben sich die beiden Kandierenden nicht zu einem öffentlichen Schlagabtausch getroffen. Die Entscheidungsfindung der eAS-Mitglieder findet zum überwiegenden Teil in informellen, nicht-öffentlichen Gesprächsrunden mit den Kandidierenden statt, aus denen wenig nach außen dringt. Bei den meisten eAS-Mitgliedern dürften letztendlich individuelle Erwägungen und weniger die Präferenz ihrer Liste entscheidend sein.

Nach den Konflikten der letzten Zeit ist in den Unigremien eine allgemeine Ermüdung zu spüren. Es könne eigentlich nur noch besser werden, meint ein AS-Mitglied nur bitter lächelnd nach einer besonders langen Sitzung. Auch der Archäologieprofessor Bernbeck sagt: „Ich möchte unbedingt, dass wir die Präsidialwahlen hinter uns bringen.“ Zumindest in diesem Wunsch scheint die Universität geeint.

FURIOS hat beide Kandidat*innen für ein Interview angefragt. Beatrix Busse hat ein Gespräch mit FURIOS geführt, jedoch die Veröffentlichung eines Interviews abgelehnt. Hier gibt es einen Überblick ihrer Positionen. Das Interview mit Günter Ziegler findet ihr hier.

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